Bleibt zu hoffen, dass genügend Retter gefunden werden

Bleibt zu hoffen, dass genügend Retter gefunden werden

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Kirchdorf. Ohne großartig schwarz zu malen oder allzu pessimistisch zu klingen: Das seit geraumer Zeit schwebende Damoklesschwert einer drohenden Insolvenz ist beim TSV Kirchdorf noch längst nicht abgewendet. „Wir haben die Hälfte des Weges erreicht“, sagt Berthold Kuban. Der Rechtsanwalt, gleichzeitig langjähriges Vereinsmitglied, nahm sich gemeinsam mit weiteren Experten der Sache an. „Rettung“ heißt das ebenso einfache wie auch prägnante Stichwort – ein Hausbesuch.

Von Erk Bratke

Schwarz und Weiß sind die Vereinsfarben des Turn- und Sportvereins, dessen Vorgängervereine das Jahr 1894 als Gründungsdatum angeben. Schwarz oder Weiß – symbolisch gesehen – dürfte am Ende das Ergebnis sein, über das die Mitglieder am kommenden Freitag, 28. Oktober, bei einer ordentlichen Mitgliederversammlung zu bestimmen haben. Doch dazu später mehr.

Der DJ-Hausbesuch könnte an vielen unterschiedlichen Punkten stattfinden, denn der TSV ist in und an diversen Örtlichkeiten beheimatet. Aktuell sind die rund 1100 in 14 Sparten organisierten Sportlerinnen und Sportler in den Sporthallen des Schulzentrums am Spalterhals und der Astrid-Lindgren-Schule an der Landstraße, in der Börke-Halle am Egestorfer Kirchweg und natürlich auf dem 2011 neu bezogenen Sportzentrum inklusive TSV-Clubheim an der Max-Planck-Straße zu Hause. Für unseren Hausbesuch wird jedoch die Anwaltskanzlei Kubans an der Egestorfer Straße gewählt. Nicht ohne Grund, denn vornehmlich geht es um die aktuelle Finanzlage des TSV, also um den Fortbestand des Clubs und weniger um sportliche Erfolge der Aktiven (dazu mehr am Ende des Textes „Zum Thema“).

Viel Recherche war notwendig: Berthold Kuban, Rechtsanwalt und langjähriges TSV-Mitglied, führte die Gespräche mit den Gläubigern. Foto: Bratke

Viel Recherche war notwendig: Berthold Kuban, Rechtsanwalt und langjähriges TSV-Mitglied, führte die Gespräche mit den Gläubigern. Foto: Bratke

Der Tag des Ortstermins zeigt sich in den Morgenstunden trist und nebelverhangen – ähnlich grau und verschwommen, wie die Vereinsfinanzen mit zahlreichen undurchsichtigen Verbindlichkeiten. Ein schlechtes Omen? Keineswegs, denn als Gesprächspartner zeigen sich Berthold Kuban und Günter Hoff trotz der prekären Lage eher gut gelaunt als angespannt. Die beiden Protagonisten resümieren eine Achterbahn an teilweise unglaublichen Geschehnissen. Wenn’s vom Ergebnis her nicht so traurig wär‘, könnte man sich vor Lachen auf die Schenkel schlagen oder zumindest schmunzeln.

Als 2. Vorsitzender leitet Hoff derzeit mit seinen Mitstreitern Detlef Hemb, Petra Konietzke und Christel Menneking die Geschicke des TSV. Das Quartett bildet den Geschäftsführenden Vorstand (GeVo). Unterstützung findet das Quartett bei den Spartenleitern; gemeinsam bildet man den Gesamtvorstand. Ein gewichtiges Wort spricht der Ehrenrat mit, der derzeit mit fünf altgedienten TSVern besetzt ist.

Wie konnte es zu der finanziellen Schieflage des Gesamtvereins kommen? Und warum wurde erst so spät gehandelt? Für die zweite Frage gibt es eine einfache Antwort: „Wir saßen lange Zeit im Dunkeln. Dass wir nicht energischer bei unserem früheren 1. Vorsitzenden nachgefragt haben, müssen wir uns vorwerfen“, gibt Günter Hoff unumwunden zu. Man wäre allzu blauäugig und gutgläubig gewesen, wenn von außen Fragen nach den Finanzen aufgetreten seien. Medial wurde über die sportpolitischen Entscheidungen berichtet – beispielsweise, wenn es um abgebrochene Sitzungen oder ausbleibende Jahresabschlüsse und folglich nicht erfolgte Entlastungen ging.

Ähnlich verhielt es sich im November 2015. Kuban, damals Kassenprüfer des Vereins, brach die einberufene Kassenprüfung vor der nachträglich geplanten Jahreshauptversammlung (JHV) ab. „Die Unterlagen reichten uns einfach nicht aus“, erklärt der Rechtsanwalt. Hoff erinnert sich: „Keine Entlastung für den Vorstand. Folglich konnten wir auch anstehende Wahlen nicht durchführen.“ Die somit ausgefallene JHV sollte im Frühjahr 2016 nachgeholt werden, doch dazu kam es nicht.

Nach den Worten von Günter Hoff überschlugen sich Ende April die Ereignisse. Der TSV-Vize erhielt eher zufällig einen Anruf der Firma Tell Bau GmbH mit dem Hinweis offener Forderungen in Höhe von rund 150.000 Euro. Davon habe er nichts gewusst und griff zum Telefonhörer – Hoff zu Kuban: „Setz dich erst mal hin – ich muss dir was erzählen.“ Es war der Auslöser für das weitere Vorgehen.

Zu diesem Zeitpunkt stand der TSV Kirchdorf nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen. Gerichtsstreitigkeiten wegen des nicht ordnungsgemäß erstellten Rasenspielfeldes am Schulzentrum (A-Platz), Streitigkeiten mit der Stadt Barsinghausen wegen nicht erfolgter Übernahmevereinbarung des alten TSV-Clubhauses oder etwaige Mietrückstände bei der Börke-Halle sind hier nur einige Beispiele.

Saß lange Zeit im Dunkeln: Günter Hoff vom GeVo des TSV Kirchdorf. Foto: Bratke

Saß lange Zeit im Dunkeln: Günter Hoff vom GeVo des TSV Kirchdorf. Foto: Bratke

Am 24. April 2016 wurde der Ehrenrat (Edith Rogner, Fritz Wissel sen., Dieter Lohmann, Wolfgang Dannenberg und Dirk Lücke) einberufen. Auf der zwei Tage später absolvierten Gesamtvorstandssitzung trat Horst Fabisch als 1. Vorsitzender des TSV Kirchdorf nach rund 20-jähriger Amtszeit zurück. Der verbliebene GeVo wusste nicht, ob alle notwendigen Unterlagen vorrätig waren. „Das wissen wir bis heute nicht, aber wir gehen davon aus“, bekräftigt Hoff. Die Frage, wie er seinerzeit reagiert habe, nimmt Hoff aus heutiger Sicht eher mit Humor: „Das kann man eigentlich nur ertrinken.“ Von außen betrachtet, kann es den im Amt verbliebenen Personen nur hoch angerechnet werden, sich weiterhin ehrenamtlich für „ihren“ Verein einzusetzen.

Rechtsanwalt Kuban wurde das Handeln übertragen. Was folgte war die Gesprächsaufnahme in diverse Richtungen – mit der Stadtverwaltung, mit den politischen Parteien, mit Gläubigern und dergleichen mehr. Recherche auf der einen Seite, die notwendigen Informationen an Gesamtvorstand und Ehrenrat auf der anderen Seite. Unterm Strich standen offene Forderungen in Höhe von rund 250.000 Euro sowie die bekannten Verbindlichkeiten bei der Hannoverschen Volksbank von rund 270.000 Euro (Darlehen Neubau TSV-Vereinsheim).

Schlussendlich war dies nicht nur ein kurzfristiges Liquiditätsproblem. Logischerweise konnte und kann ein Verein der Größenordnung des TSV K den Verbindlichkeiten nicht nachkommen. Zumal Mitgliederwart Hemb auch immer wieder über rückläufige Mitgliederzahlen informieren musste. Klar, warum soll es ausgerechnet in Kirchdorf anders zugehen als bei anderen Barsinghäuser Vereinen. Und jetzt? „Unsere Lösung konnte nur sein, die Gläubiger davon zu überzeugen, auf Verbindlichkeiten zu verzichten. Das ist uns weitgehend geglückt“, sagt Kuban. Die Zustimmung zur Hilfe sei zahlreich und groß gewesen.

Ermittelt und ausgehandelt wurde eine Zahlungsquote, die mit etwas mehr als 13 Prozent der Ursprungsforderung beziffert wird. Das ginge keineswegs in Richtung Erpressung, denn jeder weiß, dass bei einer Insolvenz eben alles weg sein kann. „Wenn wir uns nicht helfen, dann hilft uns keiner – das wollen wir deutlich machen“, erklärt Kuban. Auf dem Weg zur Quote ließen sich die TSVer und ihre Experten gleich mehrere Lösungsansätze einfallen, die den Mitgliedern am Freitag bei der außerordentlichen Versammlung vorgestellt und zur Abstimmung gegeben werden.

Einen ersten Erfolg brachte der Aufruf mit dem Titel „Rettung“. Der Vorstand hatte um freiwillige Spenden auf ein Treuhandkonto (RA Kuban) gebeten. Nur gut eine Woche nach Beginn der Aktion seien so über 30.000 Euro zusammengekommen. „Das hätte ich niemals für möglich gehalten“, sagt Hoff beeindruckt. Rund 30 Spender haben für diesen Silberstreif am Horizont gesorgt. Kuban berichtet von einem 10.000-Euro-Betrag als größte Einzelspende von einem TSV-Mitglied sowie zwei weiteren Großspenden über jeweils mehrere Tausend Euro. „Aktive und passive Mitglieder sowie Sparten des Vereins, aber auch Menschen, die mit dem TSV nichts zu tun haben, haben Geld eingezahlt“, so Kuban. Allerdings: Es sei nur die „Hälfte des Weges“, denn benötigt werde die doppelte Summe.

Der viel zitierte Kreis könnte sich bei der anstehenden Mitgliederversammlung (28. Oktober ab 19 Uhr im TSV-Sportheim) schließen. Nach einigen Regularien kommt es zum Bericht der Kassenprüfer. Danach stehen Sachstandsberichte der Experten (Wirtschaftsanwalt Dr. Voss, Friedrich Wissel jun. Und RA Kuban) im Blickpunkt. Folgend sind zwei Beschlussfassungen vorgesehen.

Einladung: Die ordentliche MV am 28. Oktober sollte für Mitglieder des TSV Kirchdorf ein Pflichttermin sein. Foto: Bratke

Einladung: Die ordentliche MV am 28. Oktober sollte für Mitglieder des TSV Kirchdorf ein Pflichttermin sein. Foto: Bratke

Zunächst geht es um eine Beitragserhöhung. Diese sei notwendig, um allein das Liquiditätsproblem des Vereins zu lösen. „Andernfalls würden wir jährlich ein Minus von gut 10.000 Euro ‚erwirtschaften‘, und zwar ohne die bestehenden Verbindlichkeiten“, verdeutlicht Kuban. Es folgt eine zweite Beschlussfassung für einen Sonderbeitrag, den Hoff mit 40 Euro (Jugendliche), 80 Euro (Erwachsene) und 160 Euro (Familien) beziffert.

Auch die Aktion „Rettung“ läuft weiter. Freiwillige Spenden gehen auf folgendes Treuhandkonto bei der Stadtsparkasse Barsinghausen (Empfänger RA Berthold Kuban): IBAN-Nummer DE 35 2515 1270 0000 2165 49, BIC NOLADE21BAH, Verwendungszweck Rettungsaktion TSV Kirchdorf-Treuhandgeld-Spende.

Einen Hinweis hat Kuban noch: Sollten all diese Lösungsansätze nicht ausreichen, um die ausgehandelten Vergleiche mit den Gläubigern insgesamt zu erfüllen, werden die eingezahlten Beträge an die Spender wieder zurück gezahlt. „Im Insolvenzfall würden die Spenden also nicht in der Insolvenzmasse landen“, sagt der Rechtsanwalt.

Natürlich sei man den Spendern zu Dank verpflichtet. „Unsere Überlegungen gehen in Richtung einer sogenannten Rettertafel“, erklärt Kuban. Plakativ könnte im Vereinsheim ein Schild mit farbigen Blöcken in Bronze, Silber, Gold und Platin angebracht werden. Für den Turn- und Sportverein Kirchdorf von 1894 e.V. bleibt zu hoffen, das genügend freiwillige Spender gefunden werden.

Zum Thema

Rückblickend kann man dem TSV Kirchdorf und seinen Regisseuren zwar vieles, aber eins sicherlich nicht vorwerfen: fehlende Kreativität. Wenn es um Neuerungen im sportlichen Alltag geht, waren und sind die „Schwarz-Weißen“ durchaus flexibel und trendbewusst.

So bot der TSV als einer der ersten Vereine des Barsinghäuser Stadtgebiets neuartige Turn- und Gymnastikelemente wie Zumba oder Drums Alive an. Als die jugendliche Trendsportart Parkour aufkam, waren auch die Kirchdorfer dabei und bemühten sich um ausgebildete Übungsleiter. Bekanntermaßen werden auch heutige Orchideen-Sportarten wie Prellball und Faustball nach wie vor gehegt und gepflegt. Und auch die olympische Disziplin Fechten haben nur ganz wenige Vereine in ihrem Programm.

Mit Boule (oder Pétanque) fand ein weiterer Trendsport seinen Platz beim TSV Kirchdorf – nettes Ambiente am liebevoll hergerichteten Boulodrom und jede Menge interessierte Senioren. In der Leichtathletik waren die TSVer eine Zeit lang führend – bis es wegen Personalien zum Bruch kam und ein Mitgliederschwund verbucht werden musste. Insbesondere zwei Sparten hatten diese Einschnitte nicht zu verzeichnen: Turnen und Fußball. „Mehr Vereinseintritte als Austritte“ konnte Mitgliederwart Detlef Hemb jüngst vermelden.

Im Leistungsturnbereich schafft es der TSV Kirchdorf regelmäßig, auch überregional auf sich aufmerksam zu machen. An den Geräten gehört die TSV-Jugend seit Jahren zu den Top-Adressen auf Bezirksebene. Noch weniger Worte muss man über die TGW-Mannschaften verlieren: Auf Landesebene stets top, was erst kürzlich auch bei der Deutschen Meisterschaft zu großen Auftritten und Erfolgen führte.

Stets top: Die Turnerinnen des TSV Kirchdorf. Foto: privat

Stets top: Die Turnerinnen des TSV Kirchdorf. Foto: privat

Auch bei „König Fußball“ können sich die „Schwarz-Weißen“ über mediale Aufmerksamkeit nicht beklagen. Die I. Herrenmannschaft ist nahezu ohne Ausnahme mit eigenen Nachwuchskräften besetzt – ein Novum in der heutigen Zeit. Die gute Jugendarbeit trägt eben Früchte. Wegweisend gründete der TSV Kirchdorf bereits im Jahre 2003 gemeinsam mit dem Nachbarn vom TSV Barsinghausen und dem VSV Hohenbostel die Jugendspielgemeinschaft Basche United – in Sachen BU tragen junge Kirchdorfer anstatt Schwarz-Weiß die Farben Blau-Weiß. Viel wichtiger aber: Basche United gehört zu den ältesten Jugendspielgemeinschaften Niedersachsens. „Die Konkurrenz ist größer geworden, doch wir leben noch und wollen langen Atem zeigen“, sagt BU-Vorstandsmitglied Markus Fischer, der für die JSG das Motto „Aus Basche für Basche“ ausgegeben hat.

Auch dies kommt überregional an. Ein Beispiel: Die Firma MFT GmbH aus Köln, ein Spezialist aus der Industrieabwasseraufbereitung, und ihr Geschäftsführer Andreas Flach hörte als eingefleischter Fußballfan (1. FC Köln) von einem Trikotdefizit bei der I. C-Jugend von Basche United. Als Flach den Hinweis erhielt, dass es sich bei BU um die wohl älteste JSG in Niedersachsen handele, sagte er einem United-Teambetreuer das kölsche Go: „Mach et“. So konnte beim örtlichen Sportbekleidungshändler ein neuer, schmucker Trikotsatz bestellt werden.

Mach et: Die I. C-Jugend von Basche United wurde jüngst von einem Kölner unternehmen mit einem Dress ausgestattet. Foto: Bratke

Mach et: Die I. C-Jugend von Basche United wurde jüngst von einem Kölner unternehmen mit einem Dress ausgestattet. Foto: Bratke

Innovativ: Bereits zum zweiten Mal veranstaltet der TSV Kirchdorf in Kooperation mit dem Regionssportbund Hannover den Interkulturellen Frauensporttag.

Innovativ: Bereits zum zweiten Mal veranstaltet der TSV Kirchdorf in Kooperation mit dem Regionssportbund Hannover den Interkulturellen Frauensporttag.

Innovativ: Kooperierend arbeitet der TSV Kirchdorf auch mit dem Regionssportbund (RSB) Hannover zusammen. Sowohl die traditionelle Sportabzeichentour als auch der neuartige Integrations-Ideenworkshop des RSB fanden in der Vergangenheit im und am Kirchdorfer Sportzentrum an der Max-Planck-Straße statt. Bereits zum zweiten Mal lädt der TSV in Kooperation mit dem Sportbund der Region zum Interkulturellen Frauensporttag ein. Termin hierfür ist der 13. November. Nähere Infos dazu sind im Internet unter www.rsbhannover.de erhältlich.

Apropos Internet: Die frühere Homepage des TSV Kirchdorf ist aktuell nicht mehr zu erreichen. „Gezwungenermaßen sind wir dabei, uns auch dementsprechend neu aufzustellen“, sagen Berthold Kuban und Günter Hoff unisono. Ein Thema, mit dem sich der TSV-Vorstand verständlicherweise erst nach der richtungsweisenden Mitgliederversammlung befassen will.

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