Spanier in Barsinghausen: Aus Fremden wurden Freunde

Spanier in Barsinghausen: Aus Fremden wurden Freunde

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Barsinghausen. Sie kamen als sogenannte Gastarbeiter und waren fremd am Deister. Sie wurden zu Freunden, zu Lebenspartnern, zu Mama oder Papa und sind heute möglicherweise längst Oma oder Opa: Die Spanier in Barsinghausen oder auch „Españoles en Barsinghausen“. Ein neues Buch dokumentiert das Leben und Wirken der Frauen und Männer von iberischen Halbinsel in der Deisterstadt – geschichtlich aufgearbeitet für die Zeit von 1960 bis 1975.

Von Erk Bratke

Es war Sommer im Jahre 1960, als die ersten Spanier in Barsinghausen eintrafen. Die beiden großen Barsinghäuser Unternehmen Bahlsen und Teves hatten die neuen Arbeitskräfte angeworben. Knapp zehn Jahre später war der spanische Bevölkerungsanteil in der Deisterstadt sogar auf 15 Prozent angestiegen. Bis 1980 hielten sich über 5000 Spanierinnen und Spanier in Barsinghausen auf ‒ manche nur für ein Jahr, viele für mehrere Jahre und ein kleiner Teil von ihnen blieb sogar dauerhaft.

Natürlich arbeiteten die Spanierinnen und Spanier nicht nur in Barsinghausen – sie lebten am Ort und richteten sich ein. Untergebracht wurden die meisten Zuzügler zunächst in betriebseigenen Wohnheimen; später fanden sie in der Kernstadt, aber auch in den Ortsteilen eine neue Heimat. Durch die veränderten Wohnverhältnisse holten sie Familienangehörige nach, lernten Männer (oder Frauen) kennen und lieben, heirateten und bekamen Kinder. Sogenannte Mischehen wurden gegründet. Españoles en Barsinghausen – sie haben zweifellos einen Abschnitt der jüngeren Ortsgeschichte mitgeprägt. Zugleich bilden sie einen markanten Wegstein der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt in den 1960er Jahren.

Seit 1960: Der Weg der Spanier nach Barsinghausen und zurück.

Seit 1960: Der Weg der Spanier nach Barsinghausen und zurück.

Im Jahr 2010 kam es anlässlich eines dreitägigen Jubiläumsfests zu einer Ausstellung, die quasi die Arbeitsgruppe für das jetzt veröffentlichte Buch auf den Weg brachte. Eckard Steigerwald, ehemaliger Stadtarchivar, erinnert sich: „Als ich 1991 als Stadtarchivar angefangen hatte, nahm ich natürlich diese spanischen Sprachfetzen in der Fußgängerzone auf. Das war schon eine Besonderheit für Barsinghausen.“ Steigerwald fragte sich: Warum gerade Barsinghausen? Warum gerade Spanier? Den Hintergründen musste nachgegangen werden.

Der lockere Arbeitskreis hatte Dokumente gesammelt. Die folgende Ausstellung war eine Initialzündung für die spätere feste Arbeitsgruppe. Steigerwald, Araceli Detsch (geb. Perez del Rio), Lothar Kutsch (bis 2011 Lehrer am Hannah-Arendt-Gymnasium), Melanie Schäfer (Spanischlehrerin am HAG) und Gustavo Porro Martinez bildeten ein Autorenteam. Ihr Anliegen: Ein Buch, das die spannende Geschichte der Spanier in Barsinghausen beleuchtet.

Inhaltlich befasste sich das Quintett mit unterschiedlichen Themen, aufgeteilt in mehrere Kapitel: Das Ankommen in Barsinghausen, die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen der Migration, die Ortsgeschichte inmitten des Wirtschaftswunders, das Arbeiten in der Deisterstadt, das Leben in der Fremde, das Freizeitverhalten der Spanier sowie das Verständnis, Barsinghausen als neue Heimat zu sehen. Sie sammelten alte Fotos und Dokumente, führten Interviews mit Zeitzeugen und fügten persönliche Anmerkungen bei.

Das Ergebnis dieses geschichtlichen Rückblicks kann sich sehen lassen. Ein lebendiges Stück Zeitgeschichte auf 276 Seiten, prägnant layoutet und toll illustriert. Für Letztgenanntes konnte die Arbeitsgruppe Klaus Delto – er hatte jüngst beste Erfahrungen mit der Herausgabe der Egestorfer Ortschronik gemacht – und Kord Buße (zuständig für die symbolträchtige Covergestaltung) gewinnen. Herausgeber ist die Stadt Barsinghausen. Steigerwald: „Das dokumentiert zweifellos die Verbunden zu den Spaniern in unserer Stadt.“ Eine erste Auflage ist auf 500 Exemplare beschränkt.

Starke Leistung: Für Gestaltung und Layout zeichnen Kord Buße (links) und Klaus Delto verantwortlich. Foto: Bratke

Starke Leistung: Für Gestaltung und Layout zeichnen Kord Buße (links) und Klaus Delto verantwortlich. Foto: Bratke

„Ich bin jedenfalls stolz wie Bolle auf das Ding“, sagt Gustavo Porro Martinez. Es sei seine Geschichte und die seiner Eltern. Er ist der einzige „echte“ Spanier in der Arbeitsgruppe. Oder doch nicht? „Ich habe einen spanischen Pass, bin aber bei Schwester Elisabeth am Ziegenteich geboren“, sagt er lachend. Im Buch zeichnet er für das Kapitel „Freizeit“ verantwortlich – darin inbegriffen beispielsweise kulturelle Vereinigungen, der Sport der Spanier, die Freizeit unterm Firmendach, Musikbands und Szenekneipen. Zudem werden Exkurse über spanisches Kino und Volkstänze geliefert.

Rückblickend besonders spannend auch die Aufarbeitung von Lothar Kutsch zum wilden Streik aus dem Jahre 1967. Für ihn ein absolutes Highlight, als sich damals rund 600 spanische Gastarbeiterinnen zum lautstarken Protest bei Bahlsen rekrutierten. Von „hartnäckiger Arbeitsverweigerung“ war seinerzeit in der Deister-Leine-Zeitung die Rede. Unglaublich – aus heutiger Sicht – auch die damalige DLZ-Berichterstattung über einen Unfall, an dem spanische Gastarbeiter beteiligt waren. „Die spanische Kultur hat hier eindeutig Spuren hinterlassen“, bekräftigt Poro Martinez. Rückblickend ein Glück für Barsinghausen, denn ohne die spanischen Arbeitskräfte hätten die beiden großen Unternehmen ihren Laden vor Ort dicht gemacht, erklärt Steigerwald.

Neben der berichtigten Hoffnung auf den Abverkauf der 500 Exemplare (ein tolles Weihnachtsgeschenk!) formulierte Barsinghausens ehemaliger Stadtarchivar ferner: „Wir hoffen auch darauf, dass sich die Köpfe der Menschen für neue Mitbürger öffnen und sich obendrein weitere Quellen erschließen.“

Apropos Quellen: Gustavo Poro Martinez betreibt eine Facebook-Gruppe mit etlichen Beteiligten in Spanien. „Als ich die Veröffentlichung gepostet habe, meldeten sich sofort etwa 30 Interessierte mit Vorbestellungen“, sagt der in Barsinghausen geborene Spanier.

Das Buch „Spanier – Españoles / Ihr Leben in Barsinghausen 1960 bis 1975“ kostet 19,80 Euro und ist im Buchhandel, in der Stadtverwaltung (Stadtarchiv: 05105/774-2372 beziehungsweise gerald.bredemann@stadt-barsinghausen.de) sowie bei den Autoren erhältlich – außerdem im derzeit laufenden Weihnachtsdorf am Sonntag, 4. Dezember, sowie am Montag und Dienstag, 12. und 13. Dezember, jeweils von 14 bis 19 Uhr. Dort stehen die Autoren auch für Gespräche zur Verfügung.

Bei der Präsentation (von links): Kord Buße, Melanie Schäfer, Lothar Kutsch, Gustavo Porro Martinez, Klaus Delto, Eckard Steigerwald und Tobias Fischer. Foto: Bratke

Bei der Präsentation (von links): Kord Buße, Melanie Schäfer, Lothar Kutsch, Gustavo Porro Martinez, Klaus Delto, Eckard Steigerwald und Tobias Fischer. Foto: Bratke

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