Nischen: Auf der Suche nach dem passenden Sommeralbum

Nischen: Auf der Suche nach dem passenden Sommeralbum

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Sommer, Sonne, Ferien – nun gut, nicht allzu regelmäßig lässt das Wetter in unserer Region die launige Party auf Balkon, Terrasse oder im Garten zu. Kein Grund, deshalb nicht nach der entsprechenden Mucke zu suchen – aktuell soll sie sein. Also begeben wir uns auf die Suche nach Nischen und dem möglicherweise passenden Sommeralbum unter den Neuveröffentlichungen…

Von Erk Bratke

The Coronas / „Trust The Wire“ (So Far So Good Records / Rough Trade): Zehn Jahre nach dem Debüt, nach weltweiten Tourneen, nach Spitzenpositionen in den Charts und nach vierjähriger Pause soll das mittlerweile fünfte Album des preisgekrönten irischen Quartetts die Fans überraschen. Angekündigt wurde „ein abenteuerlustiger, neuer Sound“. Angesagt ist höchst melodischer Pop mit üppiger Elektronik bis hin zu atmosphärischen Klängen. Will man eine Schublade öffnen, so springt möglicherweise so etwas wie Coldplay heraus – egal.

Album Nummer fünf: The Coronas

Album Nummer fünf: The Coronas

Das Album ist tanzbar, wie es so schön heißt. Die zehn Tracks (Spieldauer gut 36 Minuten) bringen traumhafte Melodien mit tollen Gesangslinien, die sich mal zu großem Bombast steigern, mal ganz ruhig daher kommen. Reifes Songwriting, so möchte man meinen. Kritiker ist der neue Silberling möglicherweise zu weichgespült (Mädchenmusik?), Liebhaber sehen in dem Werk vielleicht ein ganz großes Sommeralbum. Geschmackssache!

Ohrenfeindt / „Zwei Fäuste für Rock’n’Roll“ (AFM / Soulfood): Jawoll, die deutschen ACDC melden sich zurück. Auch auf dem siebten Studioalbum liefern drei Kiez-Rocker ihren urtypischen „Vollgasroggenrohl“. Schon der Opener „Deine Mudder singt bei Lordi“ lässt keinen Zweifel an der eingeschlagenen Marschrichtung des druckvollen Reeperbahn-Dreizylinders aufkommen. Hier werden keine Gefangenen gemacht. Titel wie „Starkstrom-Baby“, „Nix oder doppelt“, „Dreh dein Radio auf“ oder „Koks und Noten“ sprechen für sich. Der Titel „20359“ hält zudem ein kleines Schmankerl für Fußballfans bereit: eine Hymne an den FC St. Pauli, was sonst?!

Der „Metal Hammer“ rezensiert zun dem Werk Folgendes: „Hoch die Tassen! Was auch immer drin ist.“ Nicht zu vergessen, den Lautstärkeregler an der Anlage aufdrehen, denn die Nachbarn mögen dieses urwüchsige Gute-Laune-Vier-Akkorde-Brett ja vielleicht auch *lol.

Übrigens: Ohrenfeindt gehen mit ihrem neuen Werk natürlich auch auf Tournee. Gestartet wird am 20. Oktober in Wilhelmshaven. Über Kiel und Fulda geht’s anschließend zunächst in den Süden der Republik. Es folgt der Osten Deutschlands, ehe am 1. Dezember im Musikzentrum/Hannover Station gemacht wird. Schon mal reinhören – hier das Video „Irgendwann“:

Duane Forrest / „The Climb“ (Apple In The Tree / Digital Only via Distrokid/USA): Duane Forrest wurde in Toronto/Kanada als Sohn jamaikanischer Eltern geboren. Sie gaben ihm die Liebe zu Reggae, Klassik und Jazz mit auf den Weg. Schulband, Kirchenchor, das Erlernen diverser Blasinstrumente, klassischer Gitarre und Schlagzeug folgten ebenso wie etliche Sprachen. Er lebte in Mexiko, Honduras und Puerto Rico. Mittlerweile hat Duane die gemeinnützige Organisation „Genesis Art School“ gegründet, die mit Einnahmen aus seinen Auftritten finanziert wird. Damit ermöglicht er benachteiligten Jugendlichen die kreative auseinandersetzung mit Musik, Kunst und Tanz.

Über sein neues Album spricht er selbst: „The Climb ist das zweite Album in der ‚Apple in the Tree!-Serie. Die Idee dafür entstand nach einem Gespräch mit einer Frau in Mexiko, die mich tief beeindruckt hat. Während dieser Zeit war ich ein Missionar, hatte überhaupt kein Geld und hätte sie aber wahnsinnig gerne ausgeführt. Dazu kam es leider nie! Eines Tages erzählte sie mir eine Geschichte: ‚Ich bin ein Apfel in einem Baum. In diesem Baum hängen sehr viele Äpfel, einige gut erreichbar. Einige liegen sogar auf dem Boden, man muss sie nur aufheben. Um zu mir zu gelangen, musst du richtig klettern‘ (The Climb). Das beeindruckte mich. Auch ihre Art, ihre Selbstsicherheit. Diese Begegnung löste etwas in mir aus, das wichtig für meine weitere Entwicklung war. Deshalb erzähle ich die Geschichte der ‚Apple in the Tree‘-Serie. In meiner Musik geht es um persönliches Wachstum als Mann, inklusive aller Höhen und Tiefen.“

Schwer vorstellbar allerdings, dass er mit seinen Songs massenkompatibel wirken kann. Duane Forrest verwebt in verschiedenen Sprachen warme Klänge von Bossa Nova, Jazz und Soul – zumeist spartanisch arrangiert. Sicherlich nicht jedermanns Sache. Weitere Infos unter AcousticForrest

Baba Shrimps / „Road To Rome“ (RCA Motor Entertainment / Sony Music): Na, das könnte doch der richtige Silberling für ausgiebige Sommerpartys werden. Baba Shrimps, ein lustig anmutender Bandname, den die drei Züricher wählten. Mittlerweile ist das Pop-Trio schon seit über zehn Jahren am Start. Ein erster Erfolg hatte sich bereits mit dem Debütalbum „Neon“ (2014) eingestellt. Bisheriger Meilenstein dürfte der Support bei einem ausverkauften Hallenkonzert der Kings Of Leon gewesen sein. Jetzt also das neue Album…

Viele Wege führen nach Rom: Die Baba Shrimps aus der Schweiz. Foto: Mike Hintermeister

Viele Wege führen nach Rom: Die Baba Shrimps aus der Schweiz. Foto: Mike Hintermeister

Die zehn Tracks bieten all das, was von zeitgenössischer Popmusik zu erwarten ist. Tolle Melodien mit Ohrwurm- und Hymnencharakter, hauptsächlich intepretiert von Adrian Kübler und seiner durchdringenden Stimme. Dahinter stehen vorwärtstreibenden Rhythmen (Drummer Moritz Vontobel), die schnellstmöglich zum Mittanzen animieren und dazu die auffälligen Sound-Tüfteleien von Keyboarder Luca Burkhalter. Nicht zu vergessen David Kosten, der als Produzent in seinen Studios in Notting Hill/London kleine Pop-Perlen aneinander reihte.

Die erste Singleauskopplung und zugleich Titeltrack dokumentiert, wo es langgeht. Aus den einstigen Schweizer Amateuren sind echte Profis geworden. Hier die Hörprobe:

The Riverdogs / „California“ (Frontiers Records): Die „Flusshunde“ gehören wohl zu den unterbewertesten Bands ihres Genres. Unverständlich, denn seit den 1990er Jahren waren die bisherigen Outputs (inklusive der Solowerke von Leader Rob Lamothe) allesamt hörenswert. Nach einigen Jahren in der Versenkung steht nun ein Comeback-Album in den Regalen.

Vielversprchend, und dies nicht nur deshalb, weil sich der erstklassige Vivian Campbell (Leadguitar) trotz seiner Def Leppard-Arbeit Zeit für die Riverdogs nahm. Er drückt den elf neuen Songs ebenso maßgeblich seinen Stempel auf wie Lamothe (vocals, guitar) mit seiner nach wie vor warmen, einfühlsamen und manchmal röhrenden Stimme. Auch Basser Nick Brophy ist bei der Reunion wieder mit im Boot. Komplettiert wird das Quartett von Marc Danzeisen an der Schießbude. Gemeinsam liefern sie diesen eingängien Hardrock, mal in Richtung balladesk und mal im süffigen Blues-Gewand. „California“ ist absolut empfehlenswert.

Sondaschule / „Schere – Stein – Papier“ (BMG Rights / ADA-Warner): Coole Socken aus dem Ruhrpott, die sich seit der Jahrtausendwende mit ihrem meckernden Ska-Punk der heimatlichen Tristesse entziehen. Vor gut zwei Jahren klappte das mit ihrem Top 10-Album „Schön kaputt“ schon hervorragend. Und jetzt „Schere – Stein – Papier“. Das Album ist politischer, ernster und „eine dringende Reaktion auf unsere Krisenzeit“. Wie es heißt, soll es ein Zeihen für die Menschlichkeit setzen.

Die Spaß-Punks erwachsen also zu einer politsichen Band, bleiben dabei aber ihrem schwarzen Humor absolut treu. Bei Titeln wie „Waffenschein bei Aldi“, „Palermo“, „Ostberlin“ oder „Arschlochmensch“ liefern die „Sondaschüler“ stets eine gehörige Portion Augenzwinkern. Musikalisch adaptieren die Jungs den Sound ihrer Vorbilder – genannt werden beispielsweise die kalifornischen Einflussgeber Rancid und NOFX.

Beim jüngsten „Rock am Ring“ legten Sondaschule einen grandiosen Auftritt hin. Apropos Konzert: Der Sechser wird auch zum diesjährigen Fährmannsfest am 5. August in Hannover erwartet. Das neueste Musikvideo „Waffenschein bei Aldi“ gibt’s hier:

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