Sergej Evljuskin – ein gestolperter Star sucht nach Antworten

Sergej Evljuskin – ein gestolperter Star sucht nach Antworten

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Seine einstigen Weggefährten sind in aller Munde: Jérome Boateng ist Deutschlands aktueller Fußballer des Jahres, Mesut Özil ist beim FC Arsenal in London Dreh- und Angelpunkt und auch Benedikt Höwedes ist beim FC Schalke 04 kaum wegzudenken. Und was ist mit Sergej Evljuskin? Er war jahrelang Kapitän der drei genannten Weltmeister. Heute kickt er in der 4. Liga – und erzählt seine Geschichte.

Von Erk Bratke

sergej-evljuskin-coverDer heute 28-jährige Evljuskin galt als größter Hoffnungsträger des deutschen Fußballs – ehemals. Mit seinen Eltern („Mein Vater ist Russe, meine Mutter ist eigentlich Deutsche, aber in Kasachstan aufgewachsen“) und seinen Brüdern Alexander und Max siedelte er aus Kirgisien nach Braunschweig um, wo mit Schwester Kristine 1990 ein weiteres Geschwisterteil hinzukommt. Der kleine Sergej war zwei Jahre alt, als er in Deutschland ankam – und später fußballbegeistert.

Später war er schon ganz nah dran am großen Traum, denn eigentlich war er schon viele Jahre lang ein richtiger Fußballstar. Seit seinem 15. Lebensjahr durchlief Sergej Evljuskin alle U-Mannschaften des Deutschen Fußball Bundes (DFB). In der U17 und U18 war er jeweils Kapitän. Gleich zweimal wurde er vom Dachverband zum besten Spieler seines Jahrgangs gewählt und mit der Firtz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet. Das gelang bis heute nur einem weiteren Spieler: Mario Götze.

Evljuskin träumte von der großen Karriere, die sich dann allerdings nicht einstellte. Was ist schief gelaufen? Was hat gefehlt? In dem Buch „Eigentlich wäre ich jetzt Weltmeister“ (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, ISBN 978-3-86265-586-1, 240 Seiten, Bildteil, Preis 14,99 Euro) geht Autor Christof Dörr der Frage nach – gemeinsam mit dem Protagonisten. Es erzählt davon, wie eine Kleinigkeit das Schicksal wenden kann und zeigt dabei, wie schnell es hoch und wieder abwärts gehen kann. Es soll ein ehrlicher blick hinter die Kulissen des Fußballgeschäfts sein, inklusive Insider-Infos über viele Spieler der aktuellen Nationalmannschaft.

13. Juli 2014 im Maracana-Stadion wird Deutschland Fußball-Weltmeister. In diesem Moment wird Sergej Evljuskin sein verlorener Traum schmerzhaft wie nie bewusst. Während einige seiner ehemaligen Mitspieler den Pokal in den Himmel strecken, sitzt Evljuskin in einer Kneipe in Kassel. Ein gestolperter Star, der selbst nach Antworten sucht. „Klar denke ich oft daran, dass alles ganz anders hätte laufen können. 2014 sind viele von den Jungs, mit denen ich zusammen gekickt habe und die ich in der Nationalmannschaft und bei den Preisverleihungen hinter mir gelassen habe, Weltmeister geworden.“ Und Evljuskin kickt in der 4. Liga, läuft samstags im Aue-Stadion in Kassel auf.

VfL Wolfsburg – da war doch was. Evljuskin war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, bekam nach eigener Aussage aber keine Chancen. „Dann ist es schwer, man versauert in der Amateurmannschaft“, sagt er. Klaus Augenthaler, der damalige Trainer der Wölfe, sagt: „Sergej ist schon sehr früh mit 1000 Ehrungen und Medaillen überhäuft worden. Er musste immer das Gefühl haben, etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches zu sein. Aber mit dem Schritt in den Profi-Bereich spielt das alles keine Rolle mehr. Da zählen U-Nationalmannschaften und Fritz-Walter-Medaillen nichts mehr.“ Das Buch liefert allerdings weit mehr Einblicke – auch in das Seelenleben von Sergej Evljuskin. Eine Spurensuche und Biografie ganz anderer Art.

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album-sankt-pauliAu weia! Mit nur fünf Punkten ziert der FC St. Pauli derzeit das Tabellenende der 2. Fußball-Bundesliga. Aber das schmeißt doch einen Fan des Hamburger Kultclubs nicht um, oder? Der Kiez-Club ist etwas Besonderes, gilt er doch als „erfolgreichster erfolgloser Fußballverein der Welt“. Eine Meisterschale wird er vielleicht nie gewinnen, und doch wird er von vielen Millionen geliebt. Sein Totenkopf wird auf Musikfestivals getragen wie ein Band-T-Shirt. In seiner Geschäftsstelle gehen internationale Kamerateams ein und aus und versuchen, das Geheimnis von „the most rock’n’roll club in the world“ (FourFourTwo/UK) zu ergründen.

Und jetzt das: In der Buchreihe „Das Album“ gibt es in einer Erstauflage „unvergessliche Sprüche, Fotos und Anekdoten“. Nun, das wurde aber auch Zeit, dass auch die St. Paulianer in dieser Serie erscheinen. „Das FC St. Pauli Album“ (Verlag Die Werkstatt, ISBN  978-3-7307-0202-4) ist 160 Seiten stark und kostet 9,99 Euro. Es zeigt den Club als Menschenmagnet, der Herzen gewinnt und die Nerven strapaziert, aber eines sicherlich nie ist: langweilig.

In seiner über 100-jährigen Geschichte hat er aberwitzige Geschichten und markante Typen regelrecht angezogen. Jetzt gibt es eben ihr „Familienalbum“: eine braun-weiße Schatzkiste voller Witz und Emotion. Lustige Sprüche und Kurzinfos wechseln sich mit unterhaltsamen Anekdoten ab, bereichert durch eine große Auswahl ungewöhnlicher Fotos.

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