Tatsächlich: Das Kunstradfahren gibt es noch

Tatsächlich: Das Kunstradfahren gibt es noch

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Stemmen. Längst nicht alle Barsinghäuser Ortsteile verfügen über einen ortsansässigen Sportverein. Die kleine, beschauliche Ortschaft Stemmen – am gleichnamigen Berg und an der Bundesstraße 65 gelegen – schätzt sich glücklich, mit dem Radfahrverein Victoria Stemmen nicht nur einen eigenen, sondern zugleich einen der ältesten Clubs im gesamten Stadtgebiet beherbergen zu können – ein Hausbesuch.

Von Uwe Serreck und Erk Bratke

Aus der Turnhalle der Albert-Schweitzer-Schule dringt ein leises Schnurren. Fünf Mädchen auf altertümlich anmutenden Rädern drehen ihre Runden. Man hört das Geräusch des Reifenprofils. Wir sind zum Hausbesuch mit den Kunstradfahrern vom RV Victoria Stemmen verabredet.

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Mit Argusaugen: Trainerin Anja Eichenberg-Müller.

Seit November trainiert die Gruppe immer freitags von 17 bis 19 Uhr in der Golterner Grundschule. Plötzlich ein Schrei. Tränen rollen über das Gesicht von Lena Benecke. Die 12-Jährige hat bei einer Übung das Gleichgewicht verloren und ist auf den Dorn des Hinterrades gestürzt. Trainerin Anja Eichenberg-Müller eilt herbei und tröstet. Doch Stürze gehören nun mal dazu und ein Kunstradfahrer kennt keinen Schmerz.

Wenig später geht es wieder in den Sattel oder besser gesagt auf den Sattel. Vergleichbar mit einem Reiter, der nach einem Sturz auch sofort wieder aufsteigen sollte. Beeindruckend, wie die Mädchen scheinbar alle physikalischen Gesetze überwinden und das Rad bei einigen Figuren auch ohne Hände sicher kontrollieren.

Bis Anfang der 1990er Jahre hatte das Kunstradfahren beim 1906 gegründeten RV Victoria einen hohen Stellenwert. „Im Zuge des Tennisbooms durch die Erfolge von Boris Becker und Steffi Graf hatten wir aber irgendwann keinen Nachwuchs mehr“, erinnert sich der langjährige Vorsitzende Holger Jürning. 1995 war Schluss mit dem Kunstradfahren bei Victoria.

Vorführung: Melina zeigt, was sie drauf hat.

Vorführung: Melina zeigt, was sie drauf hat.

Erst 2008 betrieb Trainerin Eichenberg-Müller den Neuaufbau. Mit zehn Kindern wurde begonnen. Schön, wenn es wieder so viele werden könnten. „Wir sind leider kein populärer Sport“, bedauert Jürning. Aus der alten Gruppe sind lediglich noch die Schwestern Lisanne und Dorkas Lachmann dabei.

Beflügelt wurde der Neuaufbau durch den Umzug aus dem Dorfgemeinschaftshaus in Stemmen in die Golterner Grundschule. „Wir sind froh, dass wir die Hallenzeit bekommen haben“, sagt Eichenberg-Müller, denn „viele Übungen hätte man im kleinen Vereinsheim nicht fahren können“. In der Turnhalle haben die Mädchen indes Platz.

Lena Benecke, Melina Gießelmann und Jaqueline Kempa sind erst seit kurzem dabei. Das Trio spielte zufällig auf dem Schulhof und sah beim Training der Victoria-Gruppe zu. Man probierte sich aus und war auf Anhieb begeistert. „Die Figuren machen viel Spaß“, sagt Melina und lacht. Die Mädchen haben sichtlich Spaß.

Tandem: Dorkas und Lisanne auf einem Rad.

Tandem: Dorkas und Lisanne auf einem Rad.

Eigentlich schade, dass Kunstradfahren nicht mehr Zulauf hat. Ein faszinierender Sport, bei dem der ganze Körper gefordert ist. Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit, Athletik und ein bisschen Mut – das alles gehört dazu. „Setz dich doch mal selber aufs Rad“, fordert Anja-Eichenberg-Müller auf. „Rückwärtsfahren“, rufen die Mädchen. Ungewohnt, die Pedale drehen sich immer mit – ganz ohne eigenes Dazutun. Eine halbe Runde genügt. Es ist eine nämlich wacklige Angelegenheit.

Dagegen ist Dorkas ganz in ihrem Element. Sie fährt den sogenannten Frontstand, die Arme abgespreizt. „Deine Finger“, ruft die Trainerin. Die Haltung der Hände ist wichtig. Sonst gibt es im Wettkampf Punktabzug. Ähnlich wie beim Eiskunstlaufen beurteilen Wertungsrichter die Übungen mit Argusaugen.

Anfang Februar richtete der RV Victoria die Kreismeisterschaft aus. Für vordere Plätze reichte es für die jungen einheimischen Fahrerinnen zwar nicht, die gute Stimmung trübe das aber nicht im Geringsten. „Unsere Gegner trainieren ja auch viel mehr“, erklärt Eichenberg-Müller. Weil Holger Jürning (schon sein Vater Erich war zu Lebzeiten im Vorstand tätig) inzwischen in Dresden lebt, ist sie seit der Jahreshauptversammlung im Februar übrigens auch 1. Vorsitzende des Clubs. „Es gab keinen Anderen, der das machen wollte. Und mir liegt der Verein am Herzen.“ Der bietet einiges. Am Dienstag trifft sich die Frauengruppe, montags die Männer. Im Winter wird im Dorfgemeinschaftshaus auf den neuen Fitnessgeräten gestrampelt.

Übung auf einem Bein: Auch Jaqueline beherrscht die Figur.

Übung auf einem Bein: Auch Jaqueline beherrscht die Figur.

Derweil drängeln die Schützlinge von Anja Eichenberg-Müller. Vorlaut fragt Lena: „Kommt das in die Zeitung?“ Die Mädchen wollen ihre Übungen präsentieren. Fünf Minuten hat jede Fahrerin Zeit. Mindestens sieben und maximal 30 Elemente sind zu absolvieren. Je mehr man schafft, desto mehr Punkte sind möglich. Lena beginnt. Das Gekicher verstummt. Alle schauen ihr gebannt zu.

Als Zweite ist Jaqueline an der Reihe. „Fahr schneller, dann ist es einfacher“, ruft die Trainerin. Zuletzt kommt Lisanne dran. Die Kleinste der Gruppe macht ihre Sache am besten. Immer wieder lobt die Trainerin mit einem lauten „Jau!“ Die Runde ist geschafft und jetzt noch der saubere Abgang vom Rad. Prima!

Nebenbei bemerkt: Der RV Victoria ist nicht nur wegen des Kunstradfahrens für die Stemmer Ortsgemeinschaft von Bedeutung. Gemeinsam mit dem örtlichen Heimat- und Kulturverein ist er Träger-Gesellschafter des Dorfgemeinschaftshauses. Zweifellos hat der Radfahrverein schon weitaus populärere Zeiten erlebt – früher, als zum Beispiel das „Radrennen um den Stemmer Berg“ noch im Fokus stand. Doch das ist ein ganz anderes Thema.

Die Kunstrad-Mädels sind sich jedenfalls einig: „Es wäre schön, wenn andere Kinder vorbeischauen würden. Wir freuen uns übrigens auch über Jungs.“ Weitere Infos unter www.rvvictoria-stemmen.de.

Teamfoto: Lisanne, Lena, Dorkas, Jaqueline und Melina (von links) – die Kunstradfaherinnen des RV Victoria Stemmen. Fotos: Serreck

Teamfoto: Lisanne, Lena, Dorkas, Jaqueline und Melina (von links) – die Kunstradfahrerinnen des RV Victoria Stemmen. Fotos: Serreck

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