• 16. Dezember 2018
  • 1500 friedliebende Demonstranten – und ein stummer Schrei nach Liebe
  • 1500 friedliebende Demonstranten – und ein stummer Schrei nach Liebe
  • 1500 friedliebende Demonstranten – und ein stummer Schrei nach Liebe

1500 friedliebende Demonstranten – und ein stummer Schrei nach Liebe

In Barsinghausen ist kein Platz für Brandstifter. Kein Platz für Fremdenhass. Kein Platz für Intoleranz. Rund 1.500 Barsinghäuser Bürgerinnen und Bürger haben das am Mittwochabend deutlich gemacht. Sehr deutlich. Na gut, mal abgesehen von ein oder zwei verirrten Seelen. Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzte, da kam nicht Alex, sondern ein namenloser armer Wicht, der seinen stummen Schrei nach Liebe nun mal nicht anders als mit den Worten „Ausländer raus“ formulieren konnte. Sei’s drum.

Von Wolf Kasse

Der Anlass war ernst, und dennoch gab es vor dem ASB Bahnhof auch viele fröhliche Gesichter. Wohl vor allem deshalb, weil sich dort so viele offen ins Gesicht blicken konnten. Nach dem feigen Brandanschlag am Samstag, 23. Januar, auf die im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft an der Hannoverschen Straße wurde in Barsinghausen nicht nur geredet, sondern gehandelt. Unter Federführung von Barsinghausen ist bunt schloss sich eine große Solidargemeinschaft zusammen, um ein deutliches Zeichen zu setzen unter dem Motto „Für unser Barsinghausen – weltoffen, mitfühlend und hilfsbereit“.

Zeichnete für die Demo verantwortlich: Sybille Bruchmann-Busse vom Bündnis Barsinghausen ist bunt. foto:kasse

Zeichnete für die Demo verantwortlich: Sybille Bruchmann-Busse vom Bündnis Barsinghausen ist bunt. foto:kasse

Die Zeit seit dem unsäglichen Vorfall wurde gut genutzt. Schülerinnen und Schüler des Hannah-Arendt-Gymnasiums, der KGS Gotheschule und der Lisa-Tetzner-Schule organisierten eine Mahnwache vor dem innerlich verkohlten Rohbau des Flüchtlingsheims. Andere malten Poster und Plakate, vor dem Bahnhof fuhr ein Trecker mit dem bunten Bauwagen des Kinder- und Jugendbüros auf, viele andere Organisationen ließen ihre Fahnen im Wind wehen und zeigten damit Flagge. Etliche Ratsmitglieder marschierten nicht nur mit, sondern übernahmen auch Ordner-Funktionen. Immer mehr Menschen fanden sich am Bahnhof ein, manche kamen direkt von der Arbeit aus der S-Bahn auf den Vorplatz, um sich dort einzureihen. Polizei und ASB-Mitarbeiter sorgten dafür, dass sich der Demonstrationszug über die Siegfried-Lehmann-Straße und die Hannoversche Straße sicher zum Parkplatz des Friedhofes an der Hannoverschen Straße bewegen konnte. Dort, direkt neben dem geschändeten Baukörper, fand die Abschlusskundgebung statt. Der Parkplatz war dafür bereits am frühen Nachmittag gesperrt worden. Fleißige Helfer installierten eine mobile Beleuchtung.

Eröffnete die Abschlusskundgebung: Pastorin Ute Kalmbach

Eröffnete die Abschlusskundgebung: Pastorin Ute Kalmbach

Als die letzte Gruppe des Demonstrationszuges ihren Marsch beendet hatte, da war der Parkplatz komplett gefüllt. Pastorin Ute Kalmbach, aktives Mitglied im Bündnis Barsinghausen ist bunt, hieß alle Teilnehmer willkommen. Und dann machte Bürgermeister Marc Lahmann eine klare Ansage: „Ich bin beeindruckt und danke Ihnen sehr, dass Sie heute an dieser Demonstration für Offenheit und Toleranz in Barsinghausen in so großer Zahl teilnehmen und damit ein Zeichen setzen! Ein ganz wichtiges Zeichen in Barsinghausen für unsere Grundwerte und gegen den feigen Brandanschlag auf das nebenstehende in Bau befindliche Flüchtlingswohnheim! Denn Barsinghausen steht schon seit Jahren und Jahrzehnten für einen offenen, freundlichen und menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen, Asylbewerbern und Menschen aus anderen Ländern. Dieser wird getragen durch die Stadtgesellschaft und vor allem durch ganz viele  Ehrenamtliche. Und dies ist das Bild, das von Barsinghausen ins Land geschickt werden sollte und nicht das Bild einer brennenden Flüchtlingsunterkunft!

Leider ist es seit letztem Samstag anders, als Verbrecher in den frühen Morgenstunden den Rohbau nebenan in Brand gesetzt haben. Hierbei handelt es sich um ein feiges Verbrechen, das aufs schärfste zu verurteilen ist. Menschen, die sich seit Wochen bzw. Monaten auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Terrorismus befinden, sollten hier ein vorübergehendes Obdach erhalten. Dieses zerstören zu wollen, ist eine menschenunwürdige Tat aus niedersten Beweggründen und wir alle schämen uns dafür, dass Verbrecher in unserer Stadt eine solche schändliche Tat begangen haben. Besonders verwerflich an der Tat ist, dass die Verbrecher durch den Einsatz der Gasflaschen das Leben und die Gesundheit der Kammeradinnen und Kammeraden der Freiwilligen Feuerwehr in höchstem Maße in Gefahr gebracht haben. Mein besonderer Dank gilt deshalb an dieser Stelle auch der Feuerwehr, die hier bei uns in Barsinghausen komplett auf ehrenamtlicher Basis 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr zur Stelle ist, um uns alle vor Brand- und anderen Gefahren zu schützen. Und ich rufe den Verbrechern zu: Diese Tat wird mit aller Härte des Gesetzes verfolgt werden.

Ich hoffe, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Täter ermitteln können und das zuständige Strafgericht diese auch hart dafür bestrafen wird. Neben dieser Strafe erwartet die Täter aber auch die zivilrechtliche Geltendmachung des entstandenen sechsstelligen Schadens. Diesen wird die Stadt mit allen juristischen Mitteln unnachgiebig verfolgen und ich hoffe, dass die Täter einsehen, dass ihre Rechnung nicht aufgehen wird, sondern die Täter die Rechnung für die Tat sehr sehr teuer werden bezahlen müssen. Und ich rufe den Tätern ebenfalls zu: Diese Tat wird allenfalls zu einer kurzen Verzögerung von vielleicht ein paar Wochen bei Fertigstellung der Flüchtlingsunterkunft führen, denn wir lassen uns durch die Tat nicht beeinflussen. Der Rat der Stadt Barsinghausen hat demokratisch entschieden, an dieser Stelle ein Flüchtlingswohnheim zu bauen und dies werden wir auch tun!

Klare Ansage: Bürgermeister Marc Lahmann.

Klare Ansage: Bürgermeister Marc Lahmann.

Auch wenn noch nicht feststeht, wer die Täter waren, ist es leider zu vermuten, dass Fremdenhass, wie bei vielen anderen Bränden von Asylbewerberheimen, auch hier in Barsinghausen Motiv für die Tat war. Aber selbst wenn es andere Motive hier vor Ort gewesen sein sollten, setzen wir ein Zeichen im Hinblick auf die begangenen fremdenfeindlichen oder rechtsextremistischen Taten in Deutschland, dass wir in Barsinghausen als wehrhafte Demokraten dagegen kämpfen. Toleranz und Offenheit gegenüber anderen sind wichtige Grundlagen, solch ausgrenzende, menschenfeindliche Ideologien zu verhindern. Lassen Sie uns alle gemeinsam dafür einstehen, dass wir eine weltoffene, mitfühlende und hilfsbereite Stadt sind, wie es im Aufruf zur heutigen Kundgebung heißt! Und das bedeutet: Wir wollen in unserer Stadt Barsinghausen keine Nazis oder Rechtsextremisten. Wir wollen auch keine anderen Extremisten, seien es Linksextremisten oder islamistische Extremisten, denn jeder Extremismus widerspricht unseren Grundwerten und unserer Verfassung. Und dies sind die Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben in unserem Staat und unserer Stadt Barsinghausen. Und wir wollen auch keine Brandstifter in unserer Gesellschaft.

Es ist traurig, dass jetzt bereits zum zweiten Mal eine Flüchtlingsunterkunft in Barsinghausen gebrannt hat. Mitte letzten Jahres waren es zwei Asylbewerber, die das Asylbewerberheim in Großgoltern in Brand gesetzt haben, weil ihnen die Unterkunft nicht gut genug war. Auch dieses verurteilen wir heute aufs Schärfste, denn diese Tat hat das Leben und die Gesundheit der anderen Asylbewerber bedroht. Leider konnten die beiden aus Schwarzafrika stammenden Täter, die in Deutschland schon unter verschiedenen Identitäten registriert waren, bis heute nicht gefasst werden. Dies zeigt, dass bei der Registrierung von Asylbewerbern in Deutschland noch einiger Handlungsbedarf besteht und die vom Bund angekündigte einheitliche Registrierung endlich und sehr zeitnah realisiert werden muss. Denn es muss auch verhindert werden, dass sich unter den Flüchtlingen, wie in Barsinghausen auch schon vorgekommen, Sympathisanten beziehungsweise Unterstützer der Terrororganisation des IS befinden, die Asyl beziehungsweise Flüchtlingsschutz suchen“.

Hier die Ansprache von Marc Lahmann:

 

Superintendentin Antje Marklein: Die Täter haben nicht erreicht, dass die Willkommenskultur in Barsinghausen sich verändert.

Superintendentin Antje Marklein: Die Täter haben nicht erreicht, dass die Willkommenskultur in Barsinghausen sich verändert.

An alle Barsinghäuserinnen und Barsinghäuser wandte sich Superintendentin Antje Marklein: „Hier und heute stehen wir ein für die Werte, die uns in Barsinghausen wichtig sind … Rassendiskriminierung und Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und Fremdenhass dürfen keinen Raum haben. Deshalb stehen wir heute hier. Durch den Brandanschlag auf den Rohbau des Flüchtlingsheimes ist eine Grenze überschritten worden. Hier hat jemand wortlos Gewalt ausgeübt … Der oder die Täter haben in Kauf genommen, dass Menschen sich beim Löschen des Brandes in Gefahr begeben. Sie haben in Kauf genommen, dass sinnlos hohe Kosten entstanden sind. Sie haben in Kauf genommen, dass sich der Zeitplan zur Aufnahme von Flüchtlingen verzögert. Ja, das haben die Täter erreicht, aber mehr haben sie nicht erreicht. Und auf das, was sie getan haben, können sie nicht stolz sein. Die Täter haben nicht erreicht, dass die Willkommenskultur in Barsinghausen sich verändert. Dafür stehen wir, und wir haben gehört, wir sind 1.500 Menschen, das sind so viele. Die Täter haben durch ihre sinnlose Gewalttat auch nicht erreicht, dass auch nur ein Flüchtender weniger im deutschen Land Aufnahme finden wird … Wir stehen hier zusammen mit einer klaren Botschaft des Willkommens.“

Hier spricht die Superintendentin:

 

Ingo-Arlt

Ingo Arlt: Verteidigen wir hier und heute gemeinsam die Demokratie!

Für den Veranstalter Barsinghausen ist bunt sagte Ingo Arlt: „Willkommen in Barsinghausen. Sie finden eine Stadt vor, die in weiten Teilen sehr dankbar und hocherfreut ist, dass Sie heute und jetzt hier sind. Ich freue mich besonders für all die Menschen in unserer Stadt, die aktuell – oft auch schon lange Jahre – konkret im Umfeld von Flucht, Ankommen, Asyl, Duldung, Sprach- und Kulturbarrieren sich für Hilfe in und bei der Integration engagieren. Neben der Beschädigung der physischen Bauten nebenan, galt der Anschlag all denjenigen ideeli, die neuerdings sich als Gutmenschen bezeichnen lassen sollen. Es sagt viel über den Zustand im Lande aus, dass diese Bezeichnung als Unwort des Jahres zu recht gebrandmarkt werden musste. Aber das zeigt uns zugleich, dass wir einen merkwürdigen Zustand gesellschaftlich erreicht haben wenn ‚Gutmensch‘ eine Negativbezeichnung darstellen soll – der Gebrauch des Wortes trägt ja die gegenteilige Verortung des Absenders in sich. Es ist schon bedenklich bis gefährlich, wenn man durch den Missbrauch dieses Wortes sich selber nicht mehr als Schlechtmensch fühlen muss. Ich begrüße daher ganz ausdrücklich alle guten Menschen, die versuchen mit einer guten Portion Weltoffenheit, Mitgefühl für Nächste und Übernächste und Hilfsbereitschaft ihre Haltungen begründen und durchs Leben gehen. Sie müssen wir stärken – ja bestärken, lasst nicht nach!“

An Rat und Verwaltung gewandt stellte Arlt klar, dass dieser Anschlag auch ein Anschlag gegen die politischen Entscheidungen, gegen die kommunale Legislative und Exekutive, mithin gegen die örtliche Demokratie war. Es gehöre zur demokratischen Aufgabenbeschreibeung, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung den kritischen Bürger und die kritische Bürgerin vor und hinter sich spüren, meinte Arlt. Und ergänzte: „Aber ich möchte auf diesem Platz allen Zurufen – stellt euch heute an die Seite eurer kommunalen politischen Verantwortlichen – verteidigen wir hier und heute gemeinsam die Demokratie!“

Ingo Arlt redet Klartext:

 

 

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