VHS-Calenberger-Land
  • 26. April 2018
Kunstverein und Noa Noa wollen eine lange Odyssee beenden

Kunstverein und Noa Noa wollen eine lange Odyssee beenden

Barsinghausen. Eine lange währende Suche nähert sich ihrem Ende. Es scheint, als wären der Kunstverein Barsinghausen und die Kunstschule Noa Noa auf die Zielgerade eingebogen. Noa Noa, gegründet 1989, ist schon seit vielen Jahren auf der Suche nach einer festen Bleibe, die die Ansprüche an einen modernen Kunstschulbetrieb ohne einengende Kompromisse erfüllen kann. Auch der 2006 gegründete Kunstverein Barsinghausen ist bislang eher heimatlos unterwegs. Die Chancen stehen gut, dass sich das jetzt grundlegend ändert. Und nicht nur das: Auch für andere Vereine und Institutionen bietet sich nun eine Möglichkeit, eine feste Anlaufstelle zu bekommen.

Von Wolf Kasse

Künstler kommen eher selten mit Schlips und Kragen daher. Gleichwohl könnte eine Krawatte eine wichtige Rolle in der Zukunft der Barsinghäuser Kunst- und Kunstschulszene spielen. „Kulturfabrik KrawattE“ – so nennen die Initiatoren ihr Projekt. Die Rede ist von der ehemaligen Krawattenfabrik Ahlborn an der Egestorfer Straße, in direkter Nachbarschaft von Barsinghausens neuer Feuerwache gelegen. Am Wochenende bot sich den Mitgliedern des Kunstvereins und der Kunstschule Noa Noa die Gelegenheit, das Objekt Egestorfer Straße 28 zu besichtigen. Hier wollen beide Institutionen heimisch werden. Platz genug ist allemal vorhanden, auch für weitere Interessengruppen. Die sind schon jetzt eingeladen, sich über die Möglichkeiten zu informieren und zu überlegen, ob und wie sie sich dort einbringen und integrieren könnten.

Charme der 60-er und 70-er Jahre: Die ehemalige Krawattenfabrik Ahlborn.

Charme der 60-er und 70-er Jahre: Die ehemalige Krawattenfabrik Ahlborn.

„Wir haben noch keinen Pachtvertrag, aber man vertraut uns, so dass wir zunächst auch ohne Vertrag dringend notwendige Sicherungsarbeiten am Gebäude durchführen dürfen“, sagt Friedrich Holtiegel, Vorsitzender des Kunstvereins Barsinghausen. Seit etwa sieben Jahren steht das Gebäude leer, der Zustand ist entsprechend. „Die Wurzeln der Pappeln sind in den Kanal gewachsen und haben alles verstopft“, erläutert Carsten Hettwer, 2. Vorsitzender des Kunstvereins. Auch das Dach ist undicht, in der oberen Etage haben sich Wasserpfützen gebildet. Die Fenster sind marode und müssen saniert werden, von energiesparender Dämmung ist nichts zu sehen. Macht aber vorerst nichts, denn es gibt ja auch noch keine funktionierende Heizung. Aber es gibt etwas anderes: Eine Vision, jede Menge Räume mit tollem natürlichem Licht und ein Außengelände nebst Garagen, das kaum Wünsche offen lässt. Und es gibt engagierte Vereinsmitglieder, die bereit sind, mit Eigenarbeit, Geld und Ideen diese Vision wahr werden zu lassen.

Geplatzte Träume

Die Aussicht, eine dauerhafte Bleibe zu finden, hatten Kunstverein und Kunstschule schon einmal nah vor Augen. Sie engagierten sich im ehemaligen Kulturzentrum Barsinghausen an der Egestorfer Straße 3 (KuBa), manche Mitglieder steckten sogar eigenes Geld hinein. Auch die Bevölkerung machte mit, spendete für Bestuhlung und andere Dinge. Noa Noa wurde ein Anbau versprochen, in den die Kunstschule einziehen sollte. Die Stadt privatisierte einen Teil ihrer Jugendarbeit im KuBa, praktisch als später Ersatz für das aufgegebene Jugendzentrum an der Bergamtstraße. Doch der Traum platzte mit einem Paukenschlag. Plötzlich ermittelte die Staatsanwaltschaft, fahndete nach dem Verbleib von öffentlichen Fördermitteln. Es folgte ein Insolvenzverfahren und am Ende war das KuBa nur noch eine leere, völlig ausgeplünderte Hülle. Das Experiment soziokulturelles Zentrum war kläglich gescheitert, die Aufsichtsgremien machten dabei keine gute Figur.

Der Kunstverein konnte sich indes glücklich schätzen, in den Räumen hinter dem Restaurant Marmite einen „Raum für Kunst“ nutzen zu können. Der taugte bedingt für Ausstellungen, war allerdings nur über Treppen zu erreichen und somit nicht gerade behindertengerecht. Mit dem gleichen Problem hat auch die Kunstschule Noa Noa zu kämpfen. Die fand zwar mit dem Ehepaar Grunow tolle Vermieter der Kunstschulräume in der Schulstraße, doch gerade die inklusiven Projekte der Kunstschule lassen sich dort nicht wirklich günstig gestalten. Darüber hinaus ist das Platzangebot eher begrenzt.

Lange Suche

Lange suchten Kunstverein und Kunstschule nach Alternativen, jetzt soll die Odyssee ein Ende finden. „Wir wollen zu Beginn des nächsten Jahres in die ehemalige Krawattenfabrik Ahlborn einziehen, und wir haben kein Problem damit, dass das erstmal ein Provisorium sein wird. Damit haben sowohl der Kunstverein als auch die Kunstschule Noa Noa Erfahrung“, wandte sich Friedrich Holtiegel an die Mitglieder beider Vereine. Das ehemalige KuBa-Gebäude Egestorfer Straße 3 ist für ihn und seine Mitstreiter indes kein Thema mehr, da es nicht die nötigen räumlichen Voraussetzungen bietet – der Noa Noa-Anbau wurde ja nie verwirklicht. Von den Besitzverhältnissen mal ganz zu schweigen.

Viele Möglichkeiten: Karin Bremer (Mitte) führt die Besucher durch die ehemalige Krawattenfabrik.

Viele Möglichkeiten: Karen Bremer (Mitte) führt die Besucher durch die ehemalige Krawattenfabrik.

Die ehemalige Krawattenfabrik eignet sich ungleich besser für die angestrebten Zwecke. Das verfügbare Gelände umfasst rund 2500 Quadratmeter Fläche. Davon sind rund 1.400 Quadratmeter überbaut. Allein das Erdgeschoss bietet barrierefrei mehr als genug Platz für den Kunstverein und für die Kunstschule. Hinzu kommt noch das Obergeschoss mit einer kleinen Wohnung im Altbau. „Die könnten wir an jemanden vermieten, der sich mit der Arbeit, die wir hier leisten wollen, identifizieren kann“, so Holtiegel. Im Obergeschoss gibt es zudem einen 316 Quadratmeter großen Raum, der multifunktional genutzt werden könnte. Große Fensterflächen bieten hier eine ausgezeichnete natürliche Ausleuchtung. Hinzu kommen noch weitere große Räume im Obergeschoss. Vorhanden ist auch ein alter Lastenaufzug. Der wird zwar wahrscheinlich nicht mehr flott gemacht werden können, doch ließe sich im vorhandenen Schacht problemlos ein neuer Aufzug installieren. „Solche Dinge sind durchaus förderfähig“, merkte Holtiegel an.

Apropos Förderung: „Wir haben bei verschiedenen Stellen Fördermittel beantragt und werden auch künftig jede Gelegenheit nutzen, uns Unterstützung zu holen“, unterstrich Holtiegel. So sei man insbesondere der Stadt sehr dankbar, die jetzt dafür gesorgt habe, dass man einen Zuschussantrag im Rahmen eines sehr kurzfristig aufgelegten Förderprogrammes des Bundes zur  Sanierung von Sport-, Jugend- und Kultureinrichtungen stellen konnte. Für den Betrieb des soziokulturellen Zentrums „Kulturfabrik KrawattE“ rechnen die Initiatoren mit Betriebskosten von rund 16.000 Euro im Jahr. Darin sei die Pacht bereits enthalten, hieß es. Macht also rund 8.000 Euro für den Kunstverein und die gleiche Summe für die Kunstschule. Hinzu kommen allerdings noch die laufenden Kosten für Heizung, Strom und Wasser, die sich noch nicht näher beziffern lassen.

Die Summe, die zur Instandsetzung des Gebäudes benötigt wird, lässt sich derzeit noch nicht realistisch abschätzen. Dazu bedarf es noch einer genauen Bestandsaufnahme und einer sorgfältigen Planung. „Für uns steht erst einmal die Sicherung des Gebäudes im Vordergrund, damit keine weiteren Leerstandsschäden entstehen“, sagt Friedrich Holtiegel. Vermutlich wird das Projekt mindestens eine Million Euro kosten. Das ist die Mindestinvestitionssume, die als Voraussetzung für eine Förderung aus dem Bundesprogramm gilt.

Partner gesucht

Den Verantwortlichen des Kunstvereins und der Kunstschule ist bewusst, dass die Stadt aufgrund der Haushaltssituation kaum in der Lage sein dürfte, hier Geld für eine freiwillige Leistung locker zu machen. Darum strebt man an, einen Verein zu gründen, unter dessen Dach sich sowohl der Kunstverein und die Kunstschule als auch weitere Interessenten zusammenfinden können, um als Gewährsträger gegenüber Fördermittelgebern auftreten zu können. Um die Bundesförderung zu bekommen, müsste dieser Verein für mindestens 100.000 Euro gerade stehen. Detlef Spata, Vorsitzender des Vereins Kunstschule Noa Noa, beschrieb das so: „Hier läuft ein lebendiger Prozess ab. Wir sind sozusagen die Startgeber. Wir brauchen jetzt noch ein wenig ‚Dünger‘ von außen“. Carsten Hettwer ergänzt: „Wir sind offen für alle Interessierten. Gruppen können sich eigenständig einbringen und handeln. Platz genug ist vorhanden“. Kontakt: vorstand@kv-barsinghausen.de oder noanoa@t-online.de

Erste Überlegungen: Ein ungefähre Grundrissplanung liegt vor.

Erste Überlegungen: Ein ungefähre Grundrissplanung liegt vor.

Zum Thema

Die positive Aufbruchsstimmung beim Kunstverein und der Kunstschule Noa Noa wurde getrübt durch eine Schmähkampagne in Form eines Offenen Briefes, der über das soziale Netzwerk Facebook verbreitet und mehr oder weniger ungefiltert auch auf anderen Ebenen veröffentlicht wurde. Dabei geht es vordergründig um den Antrag auf Fördermittel des Bundes. Unterschrift des Verfassers? Fehlanzeige.

Doch wir horchen allein dem Gerücht und wissen durchaus nichts.

Homer, griechischer Dichter (etwa 8. Jh. v. Chr.)

Mit massiven Anschuldigungen wurde gegen die Initiatoren des soziokulturellen Zentrums, aber auch gegen die Stadtverwaltung geschossen. Die Rede ist von „Seilschaften“ und der Stadt wird vorgeworfen, vorgelegte Angebote nicht unabhängig zu prüfen. Friedrich Holtiegel sprach von einer „Schmierenkomödie“, von Verleumdung und übler Nachrede – mithin möglicherweise Straftatbestände, für die sich die Staatsanwaltschaft interessieren könnte.

Im Hintergrund der Aktion steht der Versuch, das ehemalige KuBa-Gebäude wieder ins Spiel zu bringen. Der aktuelle Betreiber, Rainer Ballin, hat ja bekanntlich kundgetan, seinen Betrieb zum Jahresende einzustellen. Zwischenzeitlich haben sich drei Privatpersonen, namentlich Friedegund Howind, Ingo Meier und Heribert Giegerich, zu Wort gemeldet, die die „Interessengemeinschaft für Kultur und Integration in Barsinghausen“ gegründet haben mit dem Ziel, angesichts der nahenden Schließung des Muuh!-Theaters „Lösungen zu finden, um das kulturelle Angebot für die Stadt Barsinghausen und der Umgebung zu erhalten, zu erweitern und den aktuellen, sich rapide ändernden Anforderungen an die Gesellschaft anzupassen“. Der Verfasser des offenen Briefes dürfte dieser Interessengruppe mit seiner Aktion allerdings keinen Gefallen getan haben. Ingo Meier, der an der Infoveranstaltung des Kunstvereins und der Kunstschule als Gast teilnahm, bezog dazu Stellung: „Dieser offene Brief hat mit der Interessengemeinschaft überhaupt nichts zu tun. Davon distanzieren wir uns“. Die Interessengemeinschaft will ihr Vorhaben am Dienstag, 1. Dezember, 19 Uhr, im Muuh!-Theater öffentlich vorstellen.

 

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