• 23. Oktober 2018
Die Toten Hosen überraschen mit sinfonischen Klängen

Die Toten Hosen überraschen mit sinfonischen Klängen

DTH---CoverDie Toten Hosen, eigentlich als Düsseldorfer Punk-Ikonen oder zuletzt auch als Mainstream-Chartstürmer bekannt, sind seit jeher für Überraschungen gut. Das dokumentieren Frontmann Campino und Co. mit ihrem neuen Output: Gemeinsam mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann-Hochschule veröffentlichen DTH das Gedenkkonzert „Entartete Musik“.

Von Erk Bratke

Sinfonieorchester Robert Schumann-Hochschule & Die Toten Hosen / „Entartete Musik – Willkommen in Deutschland“ (JKP/Warner): Die Bewertung der musikalischen Darbietung lassen wir in diesem Fall mal außen vor. Vielmehr sind es die Hintergründe, die zu dieser Produktion führten und absolut erwähnenswert sind – ein besonderes Konzert an einem besonderen Ort. Das Event zu hören und sehen als Doppel-CD (plus Bonus-DVD) und als Dreifach-Vinyl (plus Bonus-DVD).

Bereits im Oktober 2013 veranstalteten Die Toten Hosen und das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule drei Konzerte in der Tonhalle/Düsseldorf. Unter dem Titel „Willkommen in Deutschland“ wollten die Musiker an die Reichsmusiktage und die Ausstellung „Entartete Musik“ im Düsseldorfer Ehrenhof 75 Jahre zuvor erinnern. Mit dem Etikett „entartet“ stigmatisierten die Nationalsozialisten jede unerwünschte Form von Musik, vor allem jüdischer Künstler, aber auch von Vertretern der Avantgarde und des Jazz. Dieser Hass gipfelte 1938 in der Ausstellung „Entartete Musik“, die nach dem Vorbild der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ den vermeintlichen Einfluss des „Jüdischen“ und des „Undeutschen“ dokumentieren sollte.

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In Düsseldorf: Ungewohntes Bild mit Campino. Foto: Carla Meurer

Nach einem klassischen Eröffnungsstück folgende erklärende Worte zum Einstieg: „Das Werk soll an die verheerenden Folgen der Nazi-Diktatur erinnern, aber gleichwohl auch die Würde und die Kraft dieser Musik und ihre Unzerstörbarkeit zeigen.“ Bei den Livekonzerten stellten die Hosen und die Mitwirkenden der Schumann-Hochschule die von den Nationalsozialisten verfemte Musik in den Mittelpunkt. Das gemeinsam ausgewählte Programm zeigt das gesamte Spektrum sogenannter „entarteter“ Musik.

Das vorgetragene Liedgut reicht von unterhaltsamer Filmmusik über Kompositionen von den Comedian Harmonists und Kurt Weill bis hin zu Schönbergs dramatischem Werk „Ein Überlebender aus Warschau“. Auch aktuellere Lieder, die in weitester Form auf das Thema Bezug nehmen, wurden aufgeführt. So sind natürlich auch mehrere Songs der Toten Hosen dabei, die für diese Aufführungen neu arrangiert wurden.

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In Berlin: Gewohntes Bild mit Campino. Foto: Gregor Fischer

Die drei Abende waren ein Riesenerfolg – „ein einzigartiges und politisch dringliches Projekt“, schrieb beispielsweise die „Rheinische Post“ anschließend. Neben der überwältigenden Resonanz von Publikum und Medien erhielten die Mitwirkenden noch eine besondere Würdigung: Im Oktober 2014 wurden DTH und Professor Thomas Leander (Prorektor der Schumann-Hochschule) mit der Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet. In der Begründung hieß es: „Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ehrt mit diesem Preis Personen des nichtjüdischen öffentlichen Lebens, die sich um die jüdische Gemeinschaft verdient gemacht haben.“ Neben den Konzerten fand auch das jahrzehntelange Engagement der weit über Deutschland hinaus bekannten Düsseldorfer Band gegen Ausgrenzung und Rassismus positive Erwähnung.

Und noch ein Positivum: Alle an den Konzerten künstlerisch beteiligten Mitwirkenden verzichteten auf ihre Gage und auch das Label JKP auf sämtliche Gewinne. Der gesamte Erlös aus den Verkäufen der Alben wird zur Unterstützung von Stipendiaten und Konzertprojekten der Robert Schumann-Hochschule zur Verfügung gestellt. Bravo!

Ein Blick in die Trackliste: „Die Moorsoldaten“, „Mecki Messer“ und weitere Titel aus der „Dreigroschenoper“, „Deutsches Miserere“ aus „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, „Willkommen in Deutschland“, „Sascha – ein aufrechter Deutscher“, „Ballast der Republik“, „Europa“, „Sholem-alekhem, rov Feidman!“, „Drei Kreuze“ und viele mehr.

Einen ersten Eindruck des ganzen Projekts bekommt man bei diesem kleinen Film hier:

 

Das Video zum Song „Willkommen in Deutschland“ (einer von mehreren Songs, die DTH speziell für die Konzerte neu arrangiert hatten) gibt es hier:

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