VHS-Calenberger-Land
  • 26. April 2018

HipHop ist längst kein Twen mehr

Manchmal ist es ein Graus: Da wummern aus dem Jugendzimmer des Sprösslings ganz und gar nicht die alten Helden der Rock- und Popszene – leider! Eigentlich sind nur allzu übertriebene Bässe und dieser immer noch eigenartige Sprechgesang zu hören. Und dann wünscht der Sohnemann oder das Töchterchen auch noch die neueste CD von „Haftbefehl“ oder „Kollegah“ zu Weihnachten – aber…

Von Erk Bratke

HiphopAber nun mal ruhig Blut, denn: Hatten heutige Eltern in ihren Jugendjahren nicht auch damit zu kämpfen, dass deren Erziehungsberechtigte täglich mit dem Spruch um die Ecke kamen: „Mach diese Hottentottenmusik leiser“ – oder eben ganz aus. Marius Müller-Westerhagen nannte sein 2011er Live-Album übrigens genau so. Aber das ist ein anderes Thema.

Erinnerungen werden wach: Als die ersten Beat-Club-Sendungen über den Schwarz-Weiß-Fernseher (im wahrsten Sinne des Wortes) flimmerten, kam der Papa schon mal ins Wohnzimmer und fragte besorgniserregend nach, ob die Glotze denn nun kaputt sei? Weit gefehlt, manchmal waren es halt nur ins negativ gesetzte Filmsequenzen oder eben diese bunten Blubberkreise der Hippie-Generation. Hm, eigentlich nicht wirklich schön – aus heutiger Sicht.

Und als „The Mamas & The Papas“ sich für das Cover ihrer Single „Monday, Monday“ gemeinsam in einer Badewanne ablichten ließen und man diese Scheibe nach Hause brachte – nun ja, da war das Verständnis bei den Familienoberhäuptern komplett verloren gegangen. Geschenkt, ist ja alles auch viel zu lange her. Und jetzt soll der Rap und HipHop auch schon kein Twen, geschweige denn erst ein Teeanger mehr sein?

Wenn Fachleute richtig gerechnet haben, dann gibt es ihn schon seit 35 Jahren. Hannes Loh ist so einer. Er ist Lehrer und systemischer Berater an einem Gymnasium in Pulheim. Als freier Autor beschäftigt er sich mit den historischen, sozialen und musikalischen Hintergründen der globalen HipHop-Kultur. Sein Partner ist Sascha Verlan, der als Radiojournalist und Autor arbeitet. Er leitet Workshops zum Thema Rap und HipHop für Jugendliche und Pädagogen. Und er hat bereits im Reclam-Verlag die „Rap-Texte“ herausgegeben. Im Internet bloggt er unter www.kulturelle-störgeräusche.at.

„35 Jahre HipHop in Deutschland“ (ISBN 978-3-85445-479-03) – so heißt ihre aktualisierte und erweiterte Ausgabe des Standardwerks über die deutsche HipHop-Szene, die beim Hannibal-Verlag erschienen ist.

Viele Vertreter der HipHop-New School in Deutschland, der Klasse von 1995, melden sich mit neuen Platten zu Wort: Denyo von den Absoluten Beginnern, Ferris MC, Blumentopf und Texta, Afrob und Flowin Immo. MC Rene veröffentlicht nach seinem Abstecher auf die Comedy-Bühne ein neues Rap-Album, Renessance. Die neuen Stars der Szene stürmen mit fragwürdigen Texten die Hitparaden (Kollegah), füllen die ganz großen Konzerthallen (Cro) und werden vom Feuilleton hofiert (Haftbefehl).

Während Old School-Legenden wie Torch oder Toni L durchs Land touren und Jams veranstalten wie eh und je, liefert der Düsseldorfer Rapper Blumio mit seinem „Rap da News“ jeden Freitag einen politischen Wochenrückblick, die Microphone Mafia steht gemeinsam mit Esther Bejarano, einer der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters Auschwitz, auf der Bühne, und in Berlin entstand mit Tick Tick Boom ein HipHop-Netzwerk, das Rap und politische Arbeit neu verknüpft. Das alles zeigt, dass HipHop auch nach 35 Jahren noch immer eine lebendige, facettenreiche und widersprüchliche Kultur ist, auch wenn die Medien ihre Berichterstattung auf Bushidos Eskapaden und Gangsta-Rap eingeengt haben.

15 Jahre nach der ersten Ausgabe, 10 Jahre nach der Aktualisierung macht das Autorenduo daran, die Lücke zum Heute zu schließen: Was ist geblieben aus den frühen Jahren der Old School in den 1980er und der Neuen Schule in den 1990er Jahren? Was ist Neues entstanden? Was ist dran an den Klischees über deutschen Gangsta-Rap? Welchen Stellenwert hat HipHop heute in der deutschen Kulturlandschaft? Denn allen Unkenrufen zum Trotz ist HipHop auch im Jahr 2015 noch die einflussreichste Jugendkultur, die längst nicht mehr nur von Jugendlichen getragen wird. Wenn’s denn so ist, schnell das Buch besorgen und mal lesen. Vielleicht klappt es ja mit dem Verständnis fürs Bassgewummere und den Texten…

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