Gut verpackt: Starke Silberlinge für das Weihnachtsfest

Gut verpackt: Starke Silberlinge für das Weihnachtsfest

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Bei manchen CD-Veröffentlichungen der vergangenen Tage und Wochen kann man sich dem Eindruck nicht verwehren, sie hätten fristgerecht zum Weihnachtsfest den Weg in die Verkaufsregale gefunden. Ist ja auch nichts Schlimmes dabei, wenn die Mucke ein trefflich passendes Geschenk darstellt und vor allem Spaß bringt, oder?

Von Erk Bratke

Scorpions / „Born To Touch Your Feelings“ (RCA / Sony Music): Dass der vor Jahren von den Weltstars selbst verkündete Abgesang längst widerrufen worden ist, wurde bereits mehrfach berichtet. Dass die „Scorps“ als Großmeister der Rockballade gelten, ist auch hinlänglich bekannt. Ergo legten die Hannoveraner jüngst „Best Of Rock Ballads“ auf. „Die Ballade ist heute die Königsklasse des Rock“, sagt Sänger Klaus Meine. „Sie trifft, wenn sie gut ist, mitten in die Herzen der Fans.“ Balladen seien die Brillanten in der Kette der Songs, die Elementarteilchen der Rockmusik. Sie schweben leicht, quasi schwerelos und stechen direkt ins Gefühlszentrum des Gehirns. Kirk Hammett von Metallica meinte einmal: „Den Unterschied zwischen uns und den Scorpions kann man am besten in den Balladen erkennen. Wir haben den Blues in unserem Blut – sie die klassische Musik.“

Auf der Compilation gibt es die legendärsten (und zugleich zeitlosen) Schmusesongs – insgesamt 14 Klassiker, beginnend mit dem passenden Titelstück „Born To Touch Your Feelings“ aus dem Jahr 1977. Hinzu kommen drei neue Tracks, was den Silberling auf fast 80 Minuten (!) Spieldauer bringt. „Über die Jahrzehnte“, sagt Gitarrist Matthias Jabs, „identifizieren uns die Fans mit unseren großen Balladen wie ‚Send Me An Angel‘ und ‚Holiday‘. Und das ist sehr ehrenvoll.“ So soll der 1984er Superseller „Still Loving You“ beispielsweise im Balladen-versessenen Frankreich dazu geführt haben, dass Babys den Namen Sly bekamen: die Abkürzung des Songs, bei dem sich ihre Eltern liebten.

Mit drei aktuellen Balladen definieren die Scorpions ihr musikalisches Fundament neu. „Nach meiner Solo-Performance von ‚Follow Your Heart‘ bei unserem MTV Unplugged Concert in Athen“, sagt Meine, „habe ich gehofft, irgendwann einmal eine amtliche Bandversion dieses Titels aufzunehmen. Im August ist das geschehen – und am Ende hatten wir eine starke Rockballade. „Always Be With You“ ist der brandneue Song von Rudolf Schenker, die tief emotionale Liebeserklärung an die Liebe seines Lebens. Es sei kein Zufall, dass der Gitarrist und Komponist gerade diesen Song nach der Geburt seines jüngsten Sohns geschrieben hat. „Melrose Avenue“ wiederum, der aktuelle Song von Matthias Jabs mit dem Titel der wohl berühmtesten Meile von Los Angeles, setzt musikalisch perfekt das verzauberte Lebensgefühl Kaliforniens um – Augen schließen, hören und träumen.

50 Jahre ist es her, dass die erste Formation der Jungs aus Sarstedt im klapprigen, roten Bulli über die Dörfer zog, um in Kneipen, Garagen oder Hinterhöfen in Niedersachsen ihr Equipment auszupacken und abzurocken. Die Band habe von Anfang an zwei Ziele gehabt: „Erstens: Wir beschränken uns auf englische Lyrics, weil wir – zweitens – irgendwann zu den besten Rockbands der Welt gehören werden.“ Der Rest ist Musikgeschichte.

Silbermond / „Leichtes Gepäck – live in Dresden“ (Verschwende Deine Zeit / Sony Music): Heimatkunde? Heimatsuche? Fast genau zwei Jahre ist es her, da erschien Silbermonds fünftes Studioalbum „Leichtes Gepäck“ und stürmte in die Charts. Was folgte, waren unter anderen ausverkaufte Heimspiele am Desdner Elbufer. Dort feierten mehr als 35.000 Fans allein bei den drei Konzerten eine große deutsche Band. Im Verlauf der Tourneen erreichten Silbermond auf ihren Konzerten mehr als 300.000 Besucher in Deutschland, Österreich und der Schweiz – und dabei sind die Festivalauftritte noch nicht mitgerechnet.

„Wie ein Song bei uns entsteht, quasi aus dem Nichts, wie er sich dann entwickelt, später vielleicht auf dem Studioalbum landet, um sich danach auf der Bühne nochmals zwei Jahre weiter zu entfalten – das wird für uns Vier immer eines der faszinierendsten Dinge unserer Arbeit bleiben. Es macht uns froh und auch ein wenig stolz, dass nun aus 22 dieser Entwicklungen diese schöne Konzertaufnahme entstanden ist“, bilanziert Bassist Johannes Stolle. Die Setlist, die die Band an den Abenden in Dresden spielte, findet sich auf der Doppel-CD nahezu identisch wieder. Die Dramaturgie dieser besonderen Abende kann man in aller Tiefe nachspüren. Genau das wollten Sängerin Stefanie Kloß und Kollegen erreichen.

Als besonderen Track haben Silbermond für und mit Moses Pelham dessen Version von „Meine Heimat“ – dem Song, den Pelham bereits mit Kloß bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ in Südafrika von Lena interpretierte – mit aufs Album genommen. Das Stück präsentierten sie im August live in Dresden gemeinsam auf der Bühne. Ein passendes Puzzlestück, wenn Heimat auf Heimat trifft.

Wirtz / „Die fünfte Dimension“ (Wirtzmusik / Tonpool): Hauen wir es doch mal raus: Daniel Wirtz ist absoluter Meister in Sachen Alternative Rock mit deutschen Texten und Redaktionsliebling sowieso! Frühe Fans wussten es von Anfang an, viele mehr kamen hinzu durch seine Präsenz beim TV-Tauschkonzert oder der VOX-Musik-Doku „One Night Song – Blind Date im Wirtz-Haus“. Kein Wunder also, dass er mit seinem mittlerweile fünften Studioalbum nach der VÖ Mitte November rasant auf Platz 3 der deutschen Charts stürmte. „Was dieses Album für uns so besonders macht? Alles, was wir zu sagen hatten, ist zu 100 Prozent auf der Platte hörbar. Das sorgt für eine absolute Entspanntheit und viel, viel gute Laune“, sagt der Frankfurter.

Klar, das sagt jeder Künstler über sein neues Album. Aber Wirtz darf man das schon glauben, denn die bedingungslose Ehrlichkeit ist ein Markenzeichen von ihm. Und daran ändert sich auch mit dem neuen Silberling nichts: „Die fünfte Dimension“ ist wieder Seelenschau und Selbstverwirklichung. Drunter geht es einfach nicht. In eigenen Worten heißt das: „Wir fühlen inzwischen eine große Verantwortung für die Leute, die uns in ihr Leben lassen. Egal, ob sie sich ein Wirtz-Logo tätowieren lassen, auf den Shows alle Songs abfeiern oder sich einfach nur auf die Alben freuen. Du greifst in das Leben der Leute ein, ohne sie zu kennen. Das ist uns klar. Und deswegen legen wir alles was wir haben, in die Musik und Texte. Absolute Ehrlichkeit, sonst haben sich die Menschen Quatsch auf den Arm tätowiert.“

Nach nunmehr zehn Jahren Wirtz sollte es ein Album werden, das so weit weg wie möglich vom Anfang ist und gleichzeitig so nah dran ist, wie es geht. „Same but different“ würde der Engländer wohl sagen. Alles wie gewohnt, aber doch ein bisschen anders als sonst? Hm, zweifellos sind die bewährten Trademarks klar hörbar. Daniel Wirtz: „Es war uns wichtig, dass das Album zwar abwechslungsreich wird, aber trotzdem homogen. Es gibt zwei, drei Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben, weil sie zu gut gelaunt waren. Das hätte nicht ins Menü gepasst und den Fluss gestört. Auf „Auf die Plätze, fertig, los“ hätten sie gepasst, diesmal nicht.“ Okay…

Als besonderes Schmankerl gibt’s für die Wirtz-Anhänger auch eine Deluxe-Box, die neben der CD eine DVD plus zwei CDs „Live in Bochum“ enthält. Tja, und dann steht im Frühjahr 2018 natürlich eine Tournee auf der Agenda. Start ist am 13. April in Münster. Ein Gastspiel in Hannover folgt am 6. Mai im Capitol *freu-freu!

Lina / „Ego“ (BMG / Warner Music): Sieht die Welt beschissen aus, schmeiß‘ doch einfach Glitzer drauf! Aha, so einfach ist das. Jugendlicher Leichtsinn? Egal, Lina Larissa Strahl (geboren am 15. Dezember 1997 in Seelze) ist ein Tausendsassa. In Wikipedia wird sie als deutsche Schauspielerin und Singer-Songwriterin geführt. Außerdem: Zum Wintersemester 2017/18 begann ihr Studium an der Unisversität Hamburg in den Fächern Englisch und Geschichte. Deutschlandweit bekannt wurde das 20-jährige Multitalent durch „Bibi und Tina – Der Film“ (2014/basiert auf der gleichnamigen Kinderhörspielserie/Titelrolle der Bibi Blocksberg).

Die Boulevardpresse jubelt: Sie ist smart und sexy, super erfolgreich und gehört zu den erfolgreichsten Influencerinnen der Nation. Nach ihrem Debütalbum „Official“ (2016) veröffentlichte die „Dein Song“-Gewinnerin (Wettbewerb des Fernsehsenders KIKA) Anfang November ihr zweites Album „Ego“. Ihre Musik dürfte im modernen Pop-Schlager eingeordnet werden. Die Texte – nun ja, nennen wir sie mal „liebevolle Weisheiten Heranwachsender“.

Angesagt ist angesagt. Und das gilt für Lina allemal. So urteilte die Presse vom hannoverschen Konterveranstalter HC kurz nach Bekanntgabe des Termins für Linas „Weihnachtsfun“ in Hannover: „Das ging extrem schnell – das Konzert von Lina am Donnerstag, 28. Dezember, im Capitol Hannover ist ausverkauft.“ Weiter geht’s dann mit der Tour mit reichlich Auftritten im Feburar und März 2018. Hörprobe hier:

Martin Herzberg / „Liebe & Tasten“ (Cloudbreak Records / Broken Silence / Believe): Diese Veröffentlichung passt doch trefflich zu einem ruhigen weihnachtlichen Abend. Herzbergs Musik wird als „atmosphärische New Classic mit viel Gefühl“ beschrieben. Beeinflusst wurde seine dahintreibende Klaviermusik von Komponisten wie Ludovico Einaudi und Yann Tiersen, die mit ihrer Filmmusik zu „Ziemlich beste Freunde“ und „Die fabelhafte Welt der Amelie“ ein breites Publikum für diese Art von Pianomusik begeistern konnten.

Martin Herzberg (Jahrgang 1981) wuchs in Berlin-Neukölln auf. Von 2001 bis 2007 studierte er in seiner Heimatstadt Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität und promovierte zum Thema „Musiker im Wettbewerb um Aufmerksamkeit im Internet“. 2003 gründete er das Label Cloudbreak Records, wo jetzt auch sein Werk mit dem vielsagenden Titel „Liebe & Tasten“ erschien. Wenn man so will, schließt sich ein Kreis: Gemeinsam mit seinem Buddelkastenfreund und Kameramann dreht Herzberg Musikvideos, die ins Herz gehen sollen – und nach einigen Jahren hat er bereits über zehn Millionen Plays auf YouTube, 28.000 Facebookfans und dadruch die Möglichkeit erreicht, in ganz Deutschland Konzertsäle zu füllen. Seine Reise geht jedenfalls weiter…

Schnelldurchlauf

Olympique / „Chron“ (Karmarama / Sony): Hm, was ist das? Vielleicht eine Version aus Söhne Mannheims in Englisch treffen auf brachiale Progressive-Rocker der 70er und paar Elektronik-Boys von heute? Die Label-Presse klärt auf: Sänger Fabian Woschnagg und Schlagzeuger Nino Ebner kommen aus Salzburg und machen seit Kindertagen gemeinsam Musik – anfangs im Kirchenchor, später in diversen Rockbands. Mit ihrer klerikal anmutenden großen Version von Indierock haben Olympique seit etwa drei Jahren eine Menge Staub aufgewirbelt. Eine restlos ausverkaufte Tour im Heimatland sowie insgesamt über 50 Shows in einem Jahr in Deutschland und Österreich, nenneswerte Supports für die angesagten Kollegen von Bilderbuch und Wanda sowie begeisterte Festivalauftritte (Open Flair, Reeperbahn Rockfestival, Taubertal und andere) brachten die Band nach vorn.

Project Mama Earth / „Mama Earth“ (Provogue / Mascot Label Group / Rough Trade): Interessantes Projekt, denn eigentlich kennt man vor allem Joss Stone eher anders. Die geniale Soul-Sängerin traf sich im Juni dieses Jahres mit vier weiteren weltbekannten Musikern in ihrem Heimstudio im britisch-ländlichen Devon. Songs, Noten oder eine Strategie hatte man nicht. Perspektive des Projekts war, Rockvibe mit afrikanischen Rhythmen zu kombinieren und mit Lyrics um Mutter Erde zu versehen. Musikalisch hielt sich Joss aus der Sache heraus, denn „sonst wäre nur HipHop oder R&B dabei herausgekommen“. Also hatte das Allstar-Line Up mit Jonathan Shorten (Keyboards), Nitin Sawhney (Gitarre), Jonathan Joseph (Schlagzeug) und Étienne M’Bappe (Keyboards) freie Hand, ehe Frau Stone die Texte dazu schrieb. Das Ergebnis: Nix für den eingefahrenen Hörgenuss, sehr wohl aber für aufgeschlossene Musikliebhaber.

Tom Chaplin / „Twelve Tales Of Christmas“ (Universal Music): Schmusig oder schnulzig? Oder beides? Egal, die Stimme von Keane hat jedenfalls ein Weihnachtsalbum veröffentlicht – kein klassisches, bei dem die alten Gassenhauer aneinander gereiht sind, sondern vielmehr acht Neukompositionen, an deren Entstehung Mr. Chaplin zugleich als Co-Autor beteiligt war. Hinzu kommen vier Coversongs, die Chaplin neu interpretiert: „Walking In The Air“ (The Snowman), den Joni-Mitchell-Klassiker „River“, „2000 Miles“ von den Pretenders sowie das unsterbliche „Stay Another Day“ von East 17. „Weihnachten ist für mich die schönste Zeit im Jahr“, meint der Sänger, der sich sehr gerne an seine Kindheit zurückerinnert. „Natürlich hat die Zeit, die seit meiner Kindheit vergangen ist, schon dafür gesorgt, dass dieser Zauber ein wenig nachgelassen hat, aber ich fühle noch immer etwas von dieser Magie, wenn ich mit meiner Familie zusammenkomme.“ Passt doch!

Queen / „News Of The World – 40th Anniversary Edition“ (Universal Music): Abschließend noch etwas ganz Großes im wahrsten Sinne des Wortes! Anlässlich des 40. Jubiläums der Veröffentlichung gibt es ein großartiges Boxset des Meilensteins. Die Erstveröffentlichung von Queens „NOTW“ geht auf den Oktober 1977 zurück; es wurde eines ihrer bestverkauften Alben. Es beginnt mit zwei ihrer größten Welthits: dem aus der Feder von Brian May stammenden „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“ von Freddie Mercury. Beide Songs sind absolut unverwüstliche Hymnen, die bis heute bei keinem großen Sportereignis fehlen dürfen. Das neue Package enthält das Originalalbum auf CD sowie zwei weitere CDs mit kürzlich erst aufgetauchten Outtakes und Raritäten aus den Archiven der Band; inklusive einer neu angefertigten „alternativen“ Version des kompletten Albums mit dem Titel „Raw Sessions“. Eine weitere Premiere ist ein rein analoger Re-Cut der original Vinyl-LP, direkt von den ungemasterten analogen Master Mixtapes. Zusätzlich befindet sich in der Box eine ganze Reihe diverser Memorabilia, darunter drei Poster und ein 60-seitiges Buch mit Bildern, von denen die meisten bisher noch nirgends zu sehen waren. Das außergewöhnliche Sammlerstück ist freilich nicht für kleines Geld zu haben, für Queen-Fanatiker allerdings ein wahrer Genuss.

 

 

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