Jubel gepaart mit leichter Enttäuschung bei Germania

Egestorf. Gibt es plausible Gründe, kurz vor Mitternacht vor dem Fernseher zu verharren und sich „Beckmanns Sportschule“ in der ARD anzuschauen? Spaß am Fremdschämen ob der schlechten Witze – manche nennen es Kalauer – könnte einer sein. Oder man ist noch allzu aufgekratzt, weil das 21 Uhr-Spiel der EM in Frankreich durch seine heiße Schlussphase die Müdigkeit vertrieben hat. Am Samstagabend war es aus lokaler Sicht allerdings ein Pflichttermin: DFB-Pokal, Auslosung der 1. Runde, live und mit dem 1. FC Germania Egestorf/Langreder.

Von Erk Bratke

Es war kaum auszuhalten. „Pompös, verrückt, bescheuert“ oder einfach „Unfug“ sind nur einige Attribute, die die TV-Show aus Malente in den Medien und durch die Twittergemeinde bereits eingeheimst hat. Kaum auszuhalten war wohl auch die Spannung im Vereinslokal des 1. FC Germania Egestorf/Langreder, wo sich rund 50 Fans nebst Trainer, Spielern und Präsidenten des Neu-Regionalligisten eingefunden hatten, um die Auslosung der ersten DFB-Pokalrunde live vor der Großbildleinwand zu verfolgen.

Es ist angerichtet: Reinhold Beckmann schnackt und hört gar nicht auf, sich selbst zu feiern. Daneben DFB-Präsident Reinhard Grindel und die Losfee Caroline Siems, die mit den deutschen U17-Mädels den EM-Titel geholt hatte. Natürlich dürfen im Verlauf der Sendung auch Muskelprotz Tim Wiese, der bei der skurrilen Sendung als Beckmann’scher Sicherheitsbeauftragter fungiert, „EM-Bestatter“ Nico Patschinski und Uwe Seeler als Herbergsvater der Sportschule nicht fehlen. Ach ja, ein Gespenst tritt auch auf. Es ist der Geist von Malente – kennt den noch jemand? Egal.

Es soll die sicherste und sauberste Auslosung aller Zeiten werden, sagt Beckmann sinngemäß. Geradezu widerlich ist für seriöse Fußballfans die ständige Anspielung auf erhitzte oder gekühlte Loskugeln – Sepp Blatter lässt grüßen. Dass über korrupte Auslosungen gewitzelt wird – okay, am Stammtisch, aber im öffentlich rechtlichen Fernsehen? Ein abenteuerliches Unterfangen, höchst grenzwertig. DFB-Boss Grindel macht jedenfalls mit.

In Egestorf herrscht derweil riesige Vorfreude, mit Spannung wird die Zulosung für die Truppe von Trainer Jan Zimmermann erwartet. 64 Teams, zwei Töpfe (die hin und wieder durch vier unterschiedliche Kamera-Einstellungen beäugt werden). Die junge Caroline muss 32 Begegnungen ermitteln. Germania kugelt sich im „Amateurtopf“, Hannover 96 und all die lukrativen Erstligisten im „Profitopf“. Zuerst wird immer ein Underdog gezogen – logo, mit Heimrecht. Grindel weiß mehr als Beckmann über die vermeintlich kleinen Teams aus den Landesverbänden. Der Reinhold scheint genervt über die Allwissenheit des DFB-Präsidenten.

Die Germanen wünschen sich einen der sogenannten Kracher – verständlich. Jugend-Chef Holger Giese würde sich sicherlich über den 1. FC Köln freuen, seinen Herzensclub. Mittelfeld-Ass Joshi Siegert dürfte den HSV als seinen Lieblingsclub favorisieren. Trainer „Zimbo“ würde wohl am liebsten das „Fohlen-Los in Betracht ziehen.

Es geht los. Der BVB muss nach Trier. Kurz danach ist mit auch Werder Bremen raus. Der SV Drochtersen/Assel, Germanias Konkurrent im Landespokal, erwischt Mönchengladbach. Ein Hammerlos! Wenig später sind auch der VfL Wolfsburg, der HSV und Schalke 04 zugelost. Mit den Paarungen Dynamo Dresden gegen RB Leipzig und VfB Lübeck gegen St. Pauli folgen zwei brisante Derbys.

Paarung Nummer 23: Im Germanen-Clubheim wird gerade der Schlachtruf „Erster Fußballclub Köln“ angestimmt (warum auch immer) – dokumentiert in einem Video auf www.1fcgel.de. Die Kugel der Germanen wird gezogen. Im unbändigen Jubel der Fans gehen die Erklärungen Grindels unter, dass Egestorf und Langreder Stadtteile von Barsinghausen sind, dort der Niedersächsische Fußballverband zu Hause und viele aus dem Verein vom NFV kommen – oder umgekehrt.

Sekunden später steht Germanias Gegner fest: die TSG 1899 Hoffenheim. Verhaltender Jubel bis hin zu „Oh, nein“ ist zu vernehmen. Der „Hopp-Club“, deutschlandweit nicht unbedingt ein Sympathieträger der Bundesliga. Doch Hauptsache ein Erstligist, möchte man meinen. Nur ein Los später folgt der 1. FC Köln – Pech gehabt, FC-Fan Giese, oder Glück – wie man’s nimmt.

Das Netz reagiert. In Windeseile wird gepostet. In Hoffenheim scheint man nicht genau zugehört zu haben. Jedenfalls freue man sich auf das Auswärtsspiel in der Lüneburger Heide (?). Kurios! Bastian Strahl schreibt dazu: „Danach werden sie es nie mehr vergessen, wo Egestorf liegt.“ David Oestreich wird deutlicher: „Kann mal jemand Hoffenheim Nachhilfe in Geografie geben.“ Und Co-Trainer Dieter Opolka kommentiert: „Wir freuen uns, Hoffenheim ist eine BL-Mannschaft und wir spielen in einem Pflichtspiel gegen sie. Das wird für uns ein schönes Erlebnis. Gegen eine BL-Mannschaft zu spielen, ist keine Strafe, sondern ein Geschenk und ich glaube die werden uns auch finden.“ Auch die üblichen Pokal-Kommentare finden Platz: „Ist machbar“ heißt es beispielsweise, genauso wie „im Pokal ist alles möglich“.

Ja, auch die Bayern werden noch gezogen. Der FC Carl Zeiss Jena darf sich freuen. Schlussendlich haben Patschinski und Wiese noch mal einen Auftritt. Unter dem Motto „Favoritensterben“ dürfen sie sich vier Club aussuchen, die die erste Runde nicht überstehen. Wiese beerdigt unter anderen den HSV. „Patsche“ wählt die TSG Hoffenheim. Was für ein Schwachsinn im TV! Aber wenn’s so kommt: Super, Germania!

Einen Tag nach der Auslosung schreibt Germanen Präsident Torsten Seebeck: „Moin! Langsam sind wir wieder durch. Zusammengefasst ist das Los natürlich nicht der Kracher, aber wir haben einen Bundesligisten als Gegner und auch diese Organisation des Spieles wird sicher anspruchsvoll sein. Daher freuen wir uns riesig auf diese Aufgabe.“

Indes meldete die NFV-Presse: „Attraktive Spiele für niedersächsische Regionalligisten! Jubel bei den beiden niedersächsischen Vereinen SV Drochtersen/Assel und 1. FC Germania Egestorf/Langreder. In der ersten Hauptrunde des DFB-Pokal 2016/2017 empfangen die beiden Regionalligisten Teams aus der 1. Bundesliga. Die Spiele der ersten Runde werden am Wochenende vom 19. bis 22. August 2016 ausgetragen.

Torsten Seebeck: „Wie sagte der Trainer doch so schön: Hoffenheim hätte auch ein leichteres Los ziehen können.“ Apropos leicht: Das wird die reine Organisation der Pokalbegegnungen freilich nicht. „Wir werden uns heute im Vorstand zusammensetzen und beraten, was nun logistisch zu tun ist“, teilte der FC-Präsident auf DJ-Nachfrage mit. Dazu gehöre auch die Überlegung, wo überhaupt gespielt wird beziehungsweise werden kann. Seebeck kennt die DFB-Auflagen noch nicht, die er jedoch größer als die Regionalligastatuten einschätzt. Nun ja, ein Stadion in der Lüneburger Heide wird’s wohl kaum werden…