• 15. Dezember 2018
Warten auf die Sackabfuhr ist wie Warten auf Godot

Warten auf die Sackabfuhr ist wie Warten auf Godot

Barsinghausen. Vielen Menschen in der Region Hannover geht die Entsorgung der Leichtverpackungen mittlerweile auf den (gelben) Sack. Treu und brav stellen sie am Vorabend des Abholtags oder wahlweise in den frühen Morgenstunden desselben die gelben Säcke vor die Haustür, meist zusammen mit den blauen Säcken für das Papier und den grauen Säcken für den Restmüll. Und genau da scheiden sich die Geister, denn während die regionseigene Abfallentsorgungsgesellschaft aha die blauen und die grauen Säcke – auch bei widrigen Wetterbedingungen – in den meisten Fällen pünktlich abholt, bleiben die gelben Säcke, für die seit Jahresbeginn der private Entsorger Remondis zuständig ist, einfach stehen. Oder auch nicht, denn gerne machen sie sich bei stürmischem Wetter auch mal selbstständig und rollen durch die Gegend wie die Steppenläufer (Tumbleweeds) in einschlägigen Westernfilmen.

Von Wolf Kasse

Das Theaterstück „Warten auf Godot“ verhalf seinem Autor Samuel Beckett in den frühen 1950-er Jahren zum Durchbruch als Autor. Warten auf Godot wurde zu einer international bekannten Redewendung und steht für den Zwang zu einem langen, sinnlosen und vergeblichen Warten. Fast sieht es so aus, als wolle Remondis das Stück Anno 2016 neu erfinden. Man wird gezwungen, lange auf die Entsorger zu warten, mitunter sinnlos und vergebens. So wie in einigen Straßen in Egestorf, wo am heutigen Freitag, 29. Januar, auch die gelben Säcke erneut rausgestellt wurden, die in der Vorwoche nicht abgeholt wurden. Unterm Strich eine schlechte Leistung für die Bürgerinnen und Bürger, und preiswerter ist die ganze Sache auch nicht geworden, obwohl Remondis den Preis gegenüber dem Konkurrenten aha doch ganz schön gedrückt hat.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht,
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!

Eine Verschlechterung der bisherigen Stituation, und dafür auch noch mehr bezahlen? Wie kann das sein? Das Deister Journal hat bei dem örtlichen Regionsabgeordneten Dr. Dirk Härdrich (SPD) nachgefragt.

DJ: Herr Härdrich, wie funktioniert das eigentlich genau mit der Müllabfuhr?

Härdrich: „Das Duale System Deutschland ist ein privatwirtschaftlich organisiertes System der Mülltrennung und Entsorgung gem. Kreislaufwirtschaftsgesetz. Es umfasst alle Müllsorten, die einer Verwertung zugeführt werden können, also auch Papier und Altglas. Die öffentliche Hand ist aber immer verantwortlich für die Entsorgung des Restmülls, hat also einen Sicherstellungs- und Grundversorgungsauftrag.

DJ: Mit aha hat das in der Vergangenheit doch eigentlich ganz gut geklappt. Warum ist das jetzt anders?

Härdrich: „Die Leistungen des Dualen Systems werden immer wieder frei ausgeschrieben, und an diesen Ausschreibungen hat sich auch aha beteiligt. Beim letzten Mal hat Remondis die Ausschreibung auch gewonnen, konnte das dann aber nicht umsetzen und trat vom Vertrag zurück, so dass aha den Zuschlag bekam“.

DJ: Seit Jahresbeginn fährt aber Remondis ab, wie kam es denn dazu?

Härdrich: „aha hatte auch die aktuelle Ausschreibung gewonnen, aber diese Ausschreibung wurde aufgehoben, neu durchgeführt und dann wurde Remondis der Zuschlag erteilt, trotz der negativen Erfahrungen im vorherigen Verfahren“.

DJ: Wenn durch die Vergabe an Remondis Geld eingespart werden konnte, warum merken die Bürgerinnen und Bürger davon nichts auf ihrer Abrechnung?

Härdrich: „In allen diesen Bereichen ist Geld zu verdienen, je nach Rohstofflage mal mehr und mal weniger, grundsätzlich aber immer. Daher sind sie auch privatwirtschaftlich interessant. Wir haben uns daher immer gefreut, wenn aha den Zuschlag bekam, weil aha trotz der damit verbundenen Personal- und Betriebskosten Mehreinnahmen erzielte, die das gesamtwirtschaftliche Ergebnis von aha verbesserten. Diese Mehreinnahmen fallen jetzt weg. Bei aha sind damit einerseits Stellen weggefallen, aber andererseits sind die Mindereinnahmen immer noch höher als die Einsparungen durch die entfallenen Stellen“.

DJ: Das bedeutet für die Gebührenzahler?

Härdrich: „Da die öffentlich-rechtliche Müllentsorgung ein Gebührenhaushalt ist, der kostendeckend zu fahren ist, müssen derartig entfallene Einnahmen an anderer Stelle wieder eingenommen werden; daher diese Rückwirkung auf den Gebührenhaushalt. Für die Bürgerinnen und Bürger der Region ist das daher nicht vorteilhaft, sondern von Nachteil, weil die privaten Gewinne des Dualen Systems jetzt Remondis zu Gute kommen und nicht bei aha zur Deckung von Betriebsausgaben verwendet werden können. Wenn dann noch dazu die Schlechtleistung von Remondis kommt, wird klar, dass es deutliche Nachteile gibt. Bei aller Kritik an aha und dem Gebührenthema, aber immerhin wird der Müll seit Jahren zuverlässig abgeholt“.

DJ: Vielen Dank für das Gespräch.

Hier zur Erinnerung noch einmal das Versprechen, das Remondis an die Bürgerinnen und Bürger der Region gegeben hat:

Region Hannover: Neues vom Gelben Sack

REMONDIS sammelt ab dem 02.01.2016 in den Umlandkommunen der Region Hannover für die nächsten drei Jahre die Leichtverpackungen (LVP) in Gelben Säcken. Den Auftrag hat das Duale System Deutschland (DSD) im Juli 2015 an REMONDIS Nord vergeben. „Wir lösen damit den kommunalen Entsorger aha ab. Für die Bürger ändert sich dadurch nichts“, sagt Dieter Opara, Niederlassungsleiter in Hannover. Die Gelben Säcke werden weiterhin am selben Tag wie alle anderen Müllarten verlässlich abgeholt. Die Säcke selbst werden wie bisher auch an den bekannten Ausgabestellen wie den Bürgerbüros, den Wertstoffhöfen und im Einzelhandel ausliegen. Anders als aha, reduziert sich REMONDIS in der Region Hannover auf einen zentralen Umlandbetriebshof. Von hieraus starten die Touren. „Dadurch kann es passieren, dass wir in einigen Kommunen die Gelben Säcke schon früh morgens abholen, in anderen Gebieten erst zum frühen Nachmittag verlässlich LVP abfahren werden. Die Abholzeit wird ein wenig variieren und möglicherweise ein bis zwei Stunden von dem Gewohnten abweichen“, sagt Opara und verweist auf die gültige Regelung: „Alle Abfallarten – vom Restmüll über Papier bis hin zu Bio und LVP – müssen bis 7 Uhr morgens bereitgestellt werden.“

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