• 16. Dezember 2018
Historisch – Germanen stürmen fulminant in den DFB-Pokal

Historisch – Germanen stürmen fulminant in den DFB-Pokal

Egestorf. Fast alle Germanen wählten ihn kurz, den Anlauf bis zum Elfmeterpunkt. Tunnelblick, im positiven Sinn. Schuss und drin – alle fünf. Da „Superflieger“ Markus Straten-Wolf das Ding des Osnabrückers Marcel Kandziora gehalten hatte, stand der historische Sieg an der Ammerke fest. Unglaublich!

Von Erk Bratke

Was nach dem letzten von Christoph Beismann verwandelten Elfer folgte – ohne Worte. Jubel, nein Riesenjubel, oder besser noch Mega-Riesenjubel. Und vielleicht noch das: Ganz anders als beim kurzen Anlauf zum Elfmeterpunkt war es nun ein gaaanz langer Sprint, hin zum letzten Schützen oder wem auch immer. Es dauerte eine Weile bis sich die Traube von Spielern, Reservisten, Trainern, Betreuern, Physios und Balljungen gefunden hatte. Noch mehr Jubel, gepaart mit nahezu erdrückenden Umarmungen und Freudentänzen.

Ausgleich: Torschütze Sebastian Bönig (rechts) hatte mit seinem 1:1 maßgeblichen Anteil daran, dass es ins Elfmeterschießen ging.

Ausgleich: Torschütze Sebastian Bönig (rechts) hatte mit seinem 1:1 maßgeblichen Anteil daran, dass es ins Elfmeterschießen ging.

Geschafft! Durch den kaum für möglich gehaltenen 6:4-Halbfinalerfolg über den VfL Osnabrück steht der 1. FC Germania Egestorf/Langreder nicht nur im Finale des Niedersachsenpokals, sondern ist zugleich für die 1. Runde im DFB-Pokal 2016/2017 qualifiziert. Einer alten Fußballweisheit folgend, ist es immer der Pokal, der den kürzesten Weg auf die nächst höhere Bühne bedeutet. So auch bei den Germanen. Der Pflichtaufgabe gegen den VfL Bückeburg (2:0) folgten im Achtel- und Viertelfinale die beiden Regionalligisten TSV Havelse (3:1) und SV Meppen (4:1). Spätestens jetzt, im Halbfinale, wartete mit dem Drittligisten aus Osnabrück (Dritter der Regionalliga Nord und möglicher Zweitliga-Aufsteiger) der dickste Brocken.

FC-Trainer Jan Zimmermann: „Ich werde dieses Spiel niemals vergessen.

FC-Trainer Jan Zimmermann: „Ich werde dieses Spiel niemals vergessen“.

Viele der einheimischen Zuschauer, darunter zahlreiche Dauergäste bei Germanias Heimspielen in der Oberliga, sahen das Aus auf ihre Mannschaft zukommen. „Wenn es bei weniger als vier Gegentoren bleibt, dann ist das schon gut“, war hier und da auf dem Weg zur Einlasskontrolle zu hören. Nix da und weit gefehlt. Selbst vermeintliche Fußballkenner hatten ihre Rechnung ohne die junge, hungrige Germanen-Elf gemacht. Trainer Jan Zimmermann hatte im Vorfeld über einen möglichen Coup gesprochen – aber nur dann, wenn sein Team eine Top-Leistung abrufen würde und der VfL einen schlechten Tag erwischen sollte. Genau das trat ein.

Das Spiel an sich ist in ein paar Punkten erzählt. Der turmhohe Favorit aus Osnabrück ging in der 11. Minute standesgemäß in Führung. Nach einem Ballverlust von Marko Schikora ließ FC-Torwart Straten-Wolf einen 16-Meter-Schuss des Osnabrückers Marcos Alvarez allzu kurz zur Seite vor die Füße von Michael Hohnstedt abklatschen – 0:1. Es sollte der einzige kleine Patzer des Keepers bleiben, denn in der Folge zeigte Germanias Nummer 1 ein halbes Dutzend Glanzparaden und hielt so das 1:1 fest. Auf der anderen Seite bediente Marvin Stieler in Minute 25 seinen Stürmer Sebastian Bönig mustergültig. Der FC-Stürmer ging allein auf VfL-Schlussmann Marvin Schwäbe (mehr über ihn in unserem „Zum Thema“ unten) zu und schloss eiskalt ab.

Ansonsten war es tatsächlich ein Spiel auf Augenhöhe. Die Lila-Weißen gaben ihre Favoritenrolle aus der Hand, zeigten keinerlei Spielwitz im Spielaufbau, jede Menge Ungenauigkeiten sowie kaum zwingende individuelle Klasse. Ein komplett enttäuschender Auftritt. Anders die Germanen, die eine sattelfeste Defensive, ein überaus kompaktes Mittelfeld und ein bärenstarkes Anlaufen des Gegners in der Offensive an den Tag legten. Das 1:1 nach 90plus x Minuten war absolut verdient.

Kapitän gegen Torschütze: Germanias Mirko Dismer (links) im Duell gegen den Osnabrücker Torschützen Michael Hohnstedt.

Kapitän gegen Torschütze: Germanias Mirko Dismer (links) im Duell gegen den Osnabrücker Torschützen Michael Hohnstedt.

„Das geht ins Elfmeterschießen“, unkte Stadionsprecher Manfred Finger noch kurz vor dem Abpfiff. Damit sollte er Recht behalten. Als er ergänzte, dass der 1. FC keine treffsicheren Schützen  habe – nun ja, siehe oben. Vielleicht war es ja nur Zweckpessimismus.

Wenig später war das Wort „historisch“ das wohl meist genannte an diesem Abend. Historischer Sieg für Germania, historisch für den Barsinghäuser Fußball und historisch für die Stadt Barsinghausen. Den Begriff wählten vor allem auch etliche Zuschauer, die ansonsten selten bis gar nicht auf Fußballplätzen anzutreffen sind. Auch „sehen und gesehen werden“ wurde bei diesem Spiel groß geschrieben. Aber das ist auf der Ehrentribüne in München oder Dortmund ja auch nicht anders. Apropos: Der FC Bayern – das wäre doch genau das richtige Los im DFB-Pokal.

Alles ruhig: Der Polizei-Plan ging auf.

Alles ruhig: Der Polizei-Plan ging auf.

Ein Fazit bleibt noch: Es blieb friedlich im Barsinghäuser Stadtteil Egestorf, der den wohl größten Polizeieinsatz seiner Geschichte erlebt hatte – auch historisch. Der Steinradweg avancierte zum Hochsicherheitsbereich, doch der Aufwand hatte sich gelohnt. Und Facebook? Da kann man mal sehen, wie viel Blödsinn in den sozialen Netzwerken verbreitet wird. Das im Vorfeld an verschiedenen Stellen befürchtete Chaos nebst Chaoten blieb komplett aus. Organisation und Logistik klappten reibungslos. Bravo!

Zum Thema

Noch mal zurück zu den Elfmetern. Germanias Schützen zeigten keine Scheu vor einem durchaus großen Namen, denn immerhin trafen sie gegen einen aktuellen Torwart der deutschen U21-Nationalmannschaft: Marvin Schwäbe. Der VfL-Keeper konnte das Aus der Lila-Weißen nicht verhindern und wird sich nur ungern an dieses Gastspiel in der Deisterstadt erinnern.

Gleichwohl kehrt Schwäbe demnächst nach Barsinghausen für einen aus seiner Sicht viel schöneres Ereignis zurück. Grund dafür: Marvin Schwäbe ist Niedersachsens Fußballer des Jahres 2016. Mit 53 Stimmen hatte er sich gegen den Wolfsburger Bundesligaprofi Maximilian Arnold (40 Stimmen) sowie Nationalspielerin Lena Goeßling (VfL Wolfsburg/27 Stimmen) und Mirko Boland (Eintracht Braunschweig/8) durchgesetzt. Sportjournalisten haben damit die überragenden Leistungen des Osnabrücker Torhüters in dieser Drittligasaison gewürdigt. Marvin Schwäbe ist Nachfolger von Kevin de Bruyne (damals VfL Wolfsburg, heute Manchester City), der die Wahl im vergangenen Jahr gewonnen hatte.

Seit 1991 kürt der NFV den Fußballer des Jahres in Niedersachsen. War die Fußballerwahl zunächst eine Publikumswahl, so sind seit 2007 nur noch die Sportjournalisten aus Niedersachsen wahlberechtigt. Zusammen mit dem Sponsor „AOK“ und dem Verein Niedersächsische Sportpresse (VNS) wird alljährlich zur Wahl aufgerufen. Am Montag, 2. Mai, wird Schwäbe als neuer Titelträger im Sporthotel Fuchsbachtal geehrt.

Großes Talent: Gegen Germania gab es für Marvin Schwäbe nichts zu halten.   Fotos: Bratke

Großes Talent: Gegen Germania gab es für Marvin Schwäbe nichts zu halten. Fotos: Bratke

Marvin Schwäbe steht bei der TSG 1899 Hoffenheim unter Vertrag und spielt auf Leihbasis beim VfL Osnabrück. Seine Eltern hatten im vergangenen Jahr nach einem Besuch in Osnabrück zu dem Wechsel geraten, als ihr Sohn bei der U 20-Weltmeisterschaft in Neuseeland für die deutsche Mannschaft im Einsatz war. „Sie waren überzeugt, dass ein Wechsel hierher die beste Entscheidung ist. Ich habe ihnen zu 100 Prozent vertraut“, hatte er in einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung verraten. Sein Torwarttrainer beim VfL Osnabrück ist Rolf Meyer. Er lobt den 20-jährigen: „Marvin hat sich so entwickelt, wie wir uns das erhofft hatten. Er ist ruhig und gelassen und hat eine gute Körpersprache. Seine Ruhe strahlt er auf die Abwehr aus“, sagte Meyer der NOZ.

NFV-Präsident Karl Rothmund freut sich, dass es wieder mal ein Spieler des VfL Osnabrück geschafft hat, Fußballer des Jahres zu werden: „Der VfL ist ein gut geführter Verein, der auch jungen Spielern die Chance gibt, sich in der 3. Liga durchzusetzen. Die Sportjournalisten haben mit dem 20-jährigen Marvin Schwäbe eine sehr gute Wahl getroffen. Ich drücke dem VfL die Daumen, dass er den Aufstieg in die 2. Liga schafft.“

VNS-Vorsitzender Jochen Zwingmann zur Wahl von Marvin Schwäbe: „Wir freuen uns, dass ein junger Spieler des VfL Osnabrück die Wahl gewonnen hat. Der 20-jährige Torhüter ist ein hoffnungsvolles Talent, das bereits bei zehn Einätzen in der U20-Nationalmannschaft sein großes Können unter Beweis gestellt hat. Wenn der VfL in die 2. Liga aufsteigt, hat Marvin Schwäbe einen großen Anteil daran.“

Schwäbe durchlief von der U17-Auswahl an sämtliche Jugendnationalmannschaften des DFB. Mit der U20 spielte er im Juni 2015 bei der U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland. Er kam in allen Spielen der Mannschaft zum Einsatz und scheiterte mit ihr im Viertelfinale an der Auswahl von Mali – übrigens im Elfmeterschießen. Im September 2015 wurde er von Trainer Horst Hrubesch erstmals für die U21-Nationalmannschaft nominiert und debütierte beim 2:1-Sieg im Freundschaftsspiel gegen Dänemark.

weitere Artikel