• 23. Oktober 2018
Lektüre für den WM-Tisch

Lektüre für den WM-Tisch

So, da sind sie also, die „wichtigsten Fußballwochen des Jahres“. So jedenfalls tituliert der renommierte Verlag „Die Werkstatt“ sein reichhaltiges Angebot an passender Lektüre für den WM-Tisch. Vom dicken Nachschlagewerk und umfangreichen Statistiken über Kochbücher und Bilderalben bis hin zu einschlägigen Biografien namhafter Spieler und Trainer wird alles geboten, was den fußballinteressierten Leser erfreuen könnte.

Von Erk Bratke

Fußballinteressiert – das dürften vom 14. Juni bis 15. Juli wohl wir alle sein, denn die FIFA-Weltmeisterschaft zieht erfahrungsgemäß selbst diejenigen in ihren Bann, die sonst eher etwas weniger mit dem kommerzialisierten Kicker-Getue am Hut haben. Jede Wette: Bei den insgesamt 64 Begegnungen in den zwölf russischen Stadien wird die ein oder andere Partie dabei sein, bei der man getrost abschalten kann. Denn längst nicht alle Teams der 32 Teilnehmer versprechen Glanz und Gloria auf dem Platz. Und schon gar nicht dann, wenn es um „ach-so-wichtige“ Punkte fürs Weiterkommen geht. Das ist nicht despektierlich gemeint und soll auch keine Schwarzmalerei sein, sondern vielmehr Werbung für ein gutes Buch – falls die Langeweile Überhand nimmt. Also: Hier ein paar Angebote…

Höchst interessante Fakten haben Stephan Feldberg, Tim Köhler und Martin Brand für ihr Werk „Russkij Futbol – Ein Lesebuch“ (ISBN 978-3-7307-0395-3, 224 Seiten, Preis 16,90 Euro) zusammengetragen. Das Herausgebertrio nennt sich und seine Mitarbeiter „Die Kulturingenieure“. Man arbeitete als Kollektiv von Autoren, Wissenschaftlern und Künstlern an zeitgemäßen Formen historisch-politischer Bildung. Sie haben bereits Comics, Bücher und Filmprojekte realisiert und fühlen sich dem Sport besonders verbunden. Jetzt geben sie auf vielfältige Art und Weise Einblicke in eine fremde (Fußball)-Welt. Wie tickt der Fußball eigentlich in Russland?

Der Kosmos des Fußballs in Russland ist hierzulande weitgehend unbekannt. Im Vorfeld der WM erzählen und erklären Sport- und Osteuropa-Experten, Wissenschaftler und Journalisten die 120 Jahre des russisch-sowjetischen Fußballs als Sport, Massenphänomen, Subkultur und politischen Machtspielchen der jeweiligen Zeiten. Die Schilderungen reichen von den Anfängen im Zarenreich über die Wirren in der jungen Sowjetunion, die „blutigen“ 1930er und 1940er Jahre, Professionalisierung und Erfolge in den Folgejahrzehnten, die postsowjetische Transformation bis hin zu Putins politischem Programm „Krieg und Spiele“. Trotz vieler wissenschaftlicher Ansätze mit klarer Struktur und zahlreichen Hinweisen zu weiterführender Lektüre blieb das Werk unterhaltsam und gut lesbar. Gelungen auch die künstlerische Darstellung mit Kurzbiografien der berühmtesten Akteure der russischen Fußballgeschichte auf sieben Farbtafeln sowie die passenden Fotodokumentationen.

Apropos Biografien – zwei nenneswerte Exponate haben wir herausgepickt. „Lew Jaschin – Der Löwe aus Moskau“ (ISBN 978-3-7307-0331-1, Preis 19,90 Euro) hat Dietrich Schulze-Marmeling seine Story über den einstigen Torwart der „Sbornaja“ genannt. „Spinne“, „Krake“ oder „Panther“ – die gegnerischen Stürmer verpassten dem legendären Schlussmann zahlreiche Spitznamen. Sein Markenzeichen waren Mütze und Handschuhe, die eigentlich erst nach seiner Zeit in Mode gekommen waren. Sein aktives Torwartspiel ließ den Europameister von 1960 zum ersten ersten modernen Torhüter werden. Modern auch, dass Jaschin über den Eisernen Vorhang hinweg Fußballerfreundschaften knüpfte. Ganz altmodisch dagegen war seine Treue zu seinem Verein Dinamo Moskau, für den er 813 Mal im Tor stand und fünfmal sowjetischer Meister wurde. Auch eine Eishockeykarriere hätte dem Ausnahme-Ahtleten offen gestanden. Der große Lew hatte allerdings ein tragisches Laster: Vor seinem frühen Tod mussten ihm als Folge seines exzessiven Rauchens beide Beine abgenommen werden.

Von den Titeln her ist weder Sepp Herberger noch Jogi Löw der erfolgreichste deutsche Bundestrainer, sondern Helmut Schön. Er gewann 1972 die EM und 1974 die WM. Seine Mannschaften beeindruckten besonders spielerisch, was freilich an der „Goldenen Spielergeneration“ um Beckenbauer, Müller, Overath und Netzer lag. Trotzdem war bis dato keine Biografie über den vor 20 Jahren verstorbenen Sympathieträger erschienen. Bernd-M. Beyer hat diese Lücke nun durch sein großartiges Werk „Helmut Schön – Eine Biografie“ (ISBN 978-3-7307-0316-8, Preis 28 Euro) geschlossen.

Spannend an der Person des einstigen Bundestrainer ist nicht nur seine sportliche Erfolgsbilanz. Beyer gelingt es auf 512 Seiten, Helmut Schön als Protagonisten von fünf Jahrzehnten deutscher Fußballgeschichte zu beschreiben. Anders als die meisten seiner Kollegen im Amt (mit Ausnahme des „Kaisers“) war der gebürtige Dresdner vor seiner Trainerlaufbahn ein gefeierter Spieler. In der NS-Zeit avancierte er als zweifacher Deutscher Meister mit dem Dresdner SC zum erfolgreichen Stürmer der Nationalelf. Nach dem Krieg wurde er zunächst Cheftrainer der DDR, bevor ihn die politischen Verhältnisse außer Landes trieben. Später landete er als Assistent bei Reichstrainer Herberger, zu dem er eine hochkomplizierte Beziehung pflegte. In der Öffentlichkeit galt Helmut Schön als Zauderer, der seine Spieler eher gewähren ließ statt sie zu führen. Schön selbst nannte seinen Führungsstil „demokratisch“, was damals keineswegs Usus war. Der Autor zeichnet indes ein anderes Bild des „Mannes mit der Mütze“. Wie gesagt: spannend!

Anderes Thema. Die stetig steigende Kommerzialisierung des Fußballs der Neuzeit treibt den Kicker-Romantikern unter uns Tränen in die Augen. Zu Recht! Viele Vereine geraten im harten Wettbewerb in finanzielle Nöte, verkaufen ihre Seele, avacnieren zu Renditeobjekten, wobei die Verantwortlichen wenig bis gar keine Rücksicht auf die Fans nehmen. Wenn dann der eigene Club vor dem Aus steht, wagen einige Fans einen Schritt, den es früher nicht gab: Sie gründen einen eigenen Verein oder übernehmen den Club. So war es bei den Pionieren in Wimbledon, deren FC einfach in eine andere Stadt verpflanzt wurde. Kein Wunder also, dass Alina Schwermer ihr Buch „Wir sind der Verein“ (ISBN 978-3-7307-0387-8, Preis 16,90 Euro) mit einem ausführlichen Porträt des AFC Wimbledon beginnt.

Auf 224 Seiten geht die Autorin, die Journalistik und Geschichte studiert hat und heute verantwortlich für den Berlin-Sport der „taz“ ist, der Frage nach, wie fan-geführte Clubs den Fußball verändern wollen. Dafür hat sie sogenannte Fan-Vereine in in ganz Europa besucht und mit vielen Protagonisten in England, Österreich, Spanien, Kroatien und Israel gesprochen. In Deutschland erzählt sie von der Mitsprache beim traditionellen e.V Schalke 04, beim neuen Fan-Verein HSC Falke, dessen Gründer und Mitglieder früher zum HSV gingen, und beim Online-Projekt von Fortuna Köln. Ist ein anderer Fußball tatsächlich möglich?

Weitere Tipps passend zur FIFA-WM 2018:

Der Osten ist eine Kugel“ (ISBN 978-3-7307-0388-5, 320 Seiten, Preis 24,90): Der Osten steht im Blickpunkt – erst das Champions League-Finale in Kiew, dann die WM in Russland. Die Herausgeber dieses Buches (Stephan Krause, Christioan Lübke, Dirk Suckow) sind Historiker und Kunsthistoriker mit Fußball-Faible. Sie trugen mit Beiträgen von Autoren, darunter auch elf Schriftsteller aus acht Ländern, unterschiedliche Perspektiven zusammen. Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Osteuropa zwischen Konfrontation und Integration – von Puskás über den Mitropa-Pokal bis zu polnischen Hooligans (Das Buch ist bereits erschienen).

Kick and Cook“ (ISBN 978-3-7307-0345-8, 96 Seiten, Preis 12,90 Euro): Katrin Roßnick hat auch zur diesjährigen Fußball-WM wieder Rezepte aus den Teilnehmerstaaten zusammengetragen. Obendrein liefert sie Wissenswertes zu Land und Fußball – mit entsprechenden Fotos von Andreas Keudel (bereits erschienen).

Das große WM-Buch“ (ISBN 978-3-7307-0396-0, ca. 240 Seiten, Preis 19,90 Euro): Große Geschichte, kleiner Preis – schon drei Wochen nach dem Finale soll dieses Werk erscheinen, das mit Hardy Grüne einen Autor hat, der renommierter Experte in Sachen Geschichten und Statistiken ist. Erwartet werden darf ein informativer, kompakter und gut bebildeter Überblick zur kompletten Historie der Fußball-Weltmeisterschaften. Alle Turniere von 1930 bis 2018 (erscheint im August).

WM 2018 – Das Turnier“ (ISBN 978-3-7307-0400-4, ca. 176 Seiten, Preis 16,90 Euro): Bildbände zur FIFA-WM in Russland wird es heuer wieder en masse geben, denn das lassen sich prominente Sportmoderatoren und Journalisten nicht nehmen. Nur vier Tage nach dem Endspiel soll das Werk von Ulrich Kühne-Hellmessen und Detlef Vetten erscheinen. Ein Rekord? Das Duo will den Turnierverlauf schildern, aber auch Randgeschichten erzählen. Dazu gibt es eine umfassende Statistik sowie eine erstklassige Bildauswahl (erscheint im Juli). Übrigens: Das Vorgängerwerk der beiden Autoren mit dem Titel „Der Triumph von Rio“ erreichte 80.000 verkaufte Exemplare.

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